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Für 250 Millionen Euro: Bund schafft neue Abhängigkeiten von IT-Konzernen

netzpolitik·2026-05-27InfrastrukturWirtschaftRegulierung

Für eine dreistellige Millionensumme sollen SAP und Telekom eine „KI-Cloud“ für die öffentliche Verwaltung bauen. Digitalminister Karsten Wildberger nennt das souverän. Unabhängig wird Deutschlands Verwaltung damit nicht, warnen Opposition und Fachleute.

Karsten Wildberger freut sich auf die KI-Cloud für die Verwaltung. (Symbolbild) – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / dts Nachrichtenagentur Für 250 Millionen Euro sollen deutsche Konzerne IT-Infrastruktur für die öffentliche Verwaltung aufbauen. Im Mittelpunkt steht eine „KI-Cloud“. Das sind Server, auf denen KI-Software laufen soll.

Damit setzt Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) seinen KI-freundlichen Kurs fort. Zuletzt hatte er den Agentic AI Hub gestartet. Sogenannte KI-Agenten sollen Beamt*innen zum Beispiel dabei helfen, Dokumente auf Vollständigkeit zu prüfen. Im Gegensatz zu Sprachmodellen wie ChatGPT geben KI-Agenten nicht nur Antworten, sondern erfüllen Aufgaben mit digitalen Werkzeugen.

Die neue „KI-Cloud“ soll nun „zur zentralen Schaltstelle für die öffentliche Verwaltung werden“, erklärt das Digitalministerium. Zunächst soll die KI-Plattform KIPITZ dorthin umziehen. Die Cloud sei das „Rückgrat einer souveränen, digitalen und KI-fähigen Verwaltung“, sagt der Digitalminister. Die dafür veranschlagten 250 Millionen Euro will sein Ministerium an zwei Konsortien verteilen: 70 Prozent erhalten die Telekom-Tochter T‑Systems und SAP; weitere 30 Prozent ein Konsortium um den Wiesbadener IT-Dienstleister SVA .

Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, sei der Auftrag „bewusst zweigeteilt“ worden, um die Abhängigkeit von nur einem Anbieter zu umgehen. Wildberger sprach von einer „Infrastruktur, die wir selbst kontrollieren“. Telekom-Chef Tim Höttges sagte: „Zusammen sorgen wir dafür, dass Deutschland und Europa die digitale Zukunft selbst in der Hand haben.“ Das soll unter anderem mit SAPs „Business AI Platform“ geschehen. SAP-Chef Christian Klein zeigte sich zufrieden, dass seine KI-Cloud „Teil des Deutschland-Stack s“ werden soll.

Bund zahlt hunderte Millionen für Lizenzen

SAP profitiert bereits in großem Stil von Steuergeldern: Allein im Haushaltsjahr 2025 überwies der Bund an das deutsche Softwareunternehmen 110 Millionen Euro für Lizenzen und weitere 71 Millionen Euro für Produkte und Dienstleistungen. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Schriftliche Frage von Sonja Lemke von der Linksfraktion, die netzpolitik.org vorliegt.

Zum Vergleich: Im selben Jahr hat der Bund 481 Millionen Euro für Microsoft-Lizenzen ausgegeben. Die Kosten sind im Vergleich zu den beiden Vorjahren stetig gestiegen: 2023 waren es noch rund 274 Millionen Euro, ein Jahr später bereits rund 348 Millionen.

Nicht nur Lizenzen großer US-Unternehmen sind „ein wahnsinniger Kostenfaktor“, kommentiert die Abgeordnete gegenüber netzpolitik.org.

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Warnung vor Lock-in-Effekt

Die Projekte aus dem Digitalministerium zeigen: Künftig könnte vermehrt Geld an deutsche oder europäische Konzerne fließen. Das entspricht dem Tenor aus dem Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität im November: „ buy european “, kauft in Europa ein. Kritik daran gibt es von der Opposition und von Fachleuten. Sie warnen vor neuen Abhängigkeiten durch andere Konzerne.

So kritisiert Linken-Abgeordnete Lemke: US-Konzerne hätten kein Patent darauf, Kunden von sich abhängig zu machen. Sie warnt vor dem Lock-in-Effekt – also davor, dass die Verwaltung von einem einmal gewählten Anbieter nicht mehr loskommt. Dieser Effekt richtet sich nicht danach, wo ein Unternehmen sitzt, sondern danach, wie das IT-Produkt gestaltet ist. „Wer einmal SAP nutzt, kann die eigenen Daten nicht mehr einfach zu einem anderen Anbieter umziehen“, warnt Lemke.

Deshalb fordert sie ein Umdenken: „Digitalisierung muss endlich heißen, eigene Infrastrukturen aufzubauen.“ Dafür brauche es eigene Rechenzentren sowie eigene Betriebssysteme und Software, über die die öffentliche Hand selbst verfügen kann. Die Verwaltung brauche mehr IT-Kompetenz, um weniger von externen Beraterfirmen abhängig zu sein.

Ähnlich argumentiert die Free Software Foundation Europe. Mit Blick auf die Debatte um digitale Souveränität in Deutschland pocht der gemeinnützige Verein auf das Credo „Public Money, Public Code“.

Dahinter steht der Gedanke: Wenn Bürger*innen mit ihren Steuern eine Software zahlen, dann sollte sie allen gehören und öffentlich einsehbar sein. „Nur so lässt sich die strukturelle Abhängigkeit öffentlicher Verwaltungen von proprietärer Software und ihren Herstellern beenden und technologische Souveränität erreichen.“

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Für eine dreistellige Millionensumme sollen SAP und Telekom eine „KI-Cloud“ für die öffentliche Verwaltung bauen. Digitalminister Karsten Wildberger nennt das souverän. Unabhängig wird Deutschlands Verwaltung damit nicht, warnen Opposition und Fachleute.

Karsten Wildberger freut sich auf die KI-Cloud für die Verwaltung. (Symbolbild) – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / dts Nachrichtenagentur Für 250 Millionen Euro sollen deutsche Konzerne IT-Infrastruktur für die öffentliche Verwaltung aufbauen. Im Mittelpunkt steht eine „KI-Cloud“. Das sind Server, auf denen KI-Software laufen soll.

Damit setzt Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) seinen KI-freundlichen Kurs fort. Zuletzt hatte er den Agentic AI Hub gestartet. Sogenannte KI-Agenten sollen Beamt*innen zum Beispiel dabei helfen, Dokumente auf Vollständigkeit zu prüfen. Im Gegensatz zu Sprachmodellen wie ChatGPT geben KI-Agenten nicht nur Antworten, sondern erfüllen Aufgaben mit digitalen Werkzeugen.

Die neue „KI-Cloud“ soll nun „zur zentralen Schaltstelle für die öffentliche Verwaltung werden“, erklärt das Digitalministerium. Zunächst soll die KI-Plattform KIPITZ dorthin umziehen. Die Cloud sei das „Rückgrat einer souveränen, digitalen und KI-fähigen Verwaltung“, sagt der Digitalminister. Die dafür veranschlagten 250 Millionen Euro will sein Ministerium an zwei Konsortien verteilen: 70 Prozent erhalten die Telekom-Tochter T‑Systems und SAP; weitere 30 Prozent ein Konsortium um den Wiesbadener IT-Dienstleister SVA .

Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, sei der Auftrag „bewusst zweigeteilt“ worden, um die Abhängigkeit von nur einem Anbieter zu umgehen. Wildberger sprach von einer „Infrastruktur, die wir selbst kontrollieren“. Telekom-Chef Tim Höttges sagte: „Zusammen sorgen wir dafür, dass Deutschland und Europa die digitale Zukunft selbst in der Hand haben.“ Das soll unter anderem mit SAPs „Business AI Platform“ geschehen. SAP-Chef Christian Klein zeigte sich zufrieden, dass seine KI-Cloud „Teil des Deutschland-Stack s“ werden soll.

Bund zahlt hunderte Millionen für Lizenzen

SAP profitiert bereits in großem Stil von Steuergeldern: Allein im Haushaltsjahr 2025 überwies der Bund an das deutsche Softwareunternehmen 110 Millionen Euro für Lizenzen und weitere 71 Millionen Euro für Produkte und Dienstleistungen. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Schriftliche Frage von Sonja Lemke von der Linksfraktion, die netzpolitik.org vorliegt.

Zum Vergleich: Im selben Jahr hat der Bund 481 Millionen Euro für Microsoft-Lizenzen ausgegeben. Die Kosten sind im Vergleich zu den beiden Vorjahren stetig gestiegen: 2023 waren es noch rund 274 Millionen Euro, ein Jahr später bereits rund 348 Millionen.

Nicht nur Lizenzen großer US-Unternehmen sind „ein wahnsinniger Kostenfaktor“, kommentiert die Abgeordnete gegenüber netzpolitik.org.

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Warnung vor Lock-in-Effekt

Die Projekte aus dem Digitalministerium zeigen: Künftig könnte vermehrt Geld an deutsche oder europäische Konzerne fließen. Das entspricht dem Tenor aus dem Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität im November: „ buy european “, kauft in Europa ein. Kritik daran gibt es von der Opposition und von Fachleuten. Sie warnen vor neuen Abhängigkeiten durch andere Konzerne.

So kritisiert Linken-Abgeordnete Lemke: US-Konzerne hätten kein Patent darauf, Kunden von sich abhängig zu machen. Sie warnt vor dem Lock-in-Effekt – also davor, dass die Verwaltung von einem einmal gewählten Anbieter nicht mehr loskommt. Dieser Effekt richtet sich nicht danach, wo ein Unternehmen sitzt, sondern danach, wie das IT-Produkt gestaltet ist. „Wer einmal SAP nutzt, kann die eigenen Daten nicht mehr einfach zu einem anderen Anbieter umziehen“, warnt Lemke.

Deshalb fordert sie ein Umdenken: „Digitalisierung muss endlich heißen, eigene Infrastrukturen aufzubauen.“ Dafür brauche es eigene Rechenzentren sowie eigene Betriebssysteme und Software, über die die öffentliche Hand selbst verfügen kann. Die Verwaltung brauche mehr IT-Kompetenz, um weniger von externen Beraterfirmen abhängig zu sein.

Ähnlich argumentiert die Free Software Foundation Europe. Mit Blick auf die Debatte um digitale Souveränität in Deutschland pocht der gemeinnützige Verein auf das Credo „Public Money, Public Code“.

Dahinter steht der Gedanke: Wenn Bürger*innen mit ihren Steuern eine Software zahlen, dann sollte sie allen gehören und öffentlich einsehbar sein. „Nur so lässt sich die strukturelle Abhängigkeit öffentlicher Verwaltungen von proprietärer Software und ihren Herstellern beenden und technologische Souveränität erreichen.“

KW 21: Die Woche, in der die Zivilgesellschaft aufsteht

netzpolitik·2026-05-23GesellschaftRegulierung

Die 21. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 13 neue Texte mit insgesamt 101.115 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

– Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser:innen,

die Zivilgesellschaft steht in vielen Ländern unter Druck. Dass sich die Menschen dem noch lange nicht beugen, zeigt eindrucksvoll der Fall des Fotografen Pablo Grillo in Argentinien. An ihn habe ich in den vergangenen Tagen oft gedacht, nachdem ich den Text von Nina Galla gelesen hatte.

Pablo war im März 2025 auf einer Demonstration in Buenos Aires gewesen. Rentner:innen protestierten dort gegen steigende Kosten, zunehmende Armut und den Kurs des rechtsradikalen Kettensägen-Präsidenten Javier Milei. Damit gingen sie ein hohes Risiko ein. Denn Mileis Regierung hat das Demonstrationsrecht massiv eingeschränkt. Wer dennoch auf die Straße geht, muss mit Willkür und brutaler Polizeigewalt rechnen.

Pablo traf an diesem Tag eine Tränengasgranate ins Gesicht. Er wurde lebensgefährlich verletzt, über Wochen bangten Menschen landesweit um sein Leben.

Noch während der Fotograf im Krankenhaus war, begannen Aktivist:innen damit, Beweise für die Tat zu sammeln, die sie von anderen Demonstrierenden oder direkt von Journalist:innen erhielten. Sie rekonstruierten die Geschehnisse, konnten nachweisen, dass die Polizei an dem Tag wiederholt auf Demonstrierende geschossen hatte und brachten den mutmaßlichen Täter, einen Polizisten, vor Gericht.

Erst vor wenigen Wochen kehrte Pablo Grillo nach Hause zurück. Es ist unklar, welche gesundheitlichen Folgen der Schuss langfristig für ihn hat. Das Verfahren gegen den Polizisten läuft noch.

Der Fall zeigt für mich, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich zusammenschließen, gemeinsam aufstehen und sich wehren. Ich hoffe, dass ihre Recherchearbeit dazu führt, dass Pablo Gerechtigkeit widerfährt.

Gegendruck aufbauen, von Anfang an

Derweil wächst auch in Deutschland der Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen. Meine Kollegin Chris hat diese Woche ein Interview mit Josephine Ballon von HateAid geführt . Die Trump-Regierung hat Ballon und ihre Co-Geschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg Ende vergangenen Jahres mit einem Einreiseverbot belegt – weil sie „radikale Aktivistinnen“ und „Agentinnen des industriellen Zensurkomplexes“ seien. Josephine Ballon fürchtet, dass das nur der Anfang ist und HateAid bald auch von Zahlungsverkehr und IT-Dienstleistungen ausgeschlossen sein könnten.

Gerade jetzt sollte die Bundesregierung fest hinter der hiesigen Zivilgesellschaft stehen, finde ich. Stattdessen aber will Bildungsministerin Prien zivilgesellschaftlichen Initiativen nicht nur einer „breit angelegten Verfassungsschutzprüfung“ unterziehen , sondern auch Fördermittel drastisch kürzen . Betroffen wären neben HateAid etwa auch die Amadeu Antonio Stiftung und die Open Knowledge Foundation Deutschland. Ihnen würden dann Mittel fehlen, um gegen digitale Gewalt, Antisemitismus und Rechtsradikalismus vorzugehen.

Mir ist klar, dass die derzeitige Lage in Deutschland bei weitem nicht so dramatisch ist wie in Argentinien. Auf mich wirken sie aber wie der Anfang und das drohende Ende einer Entwicklung, die sich derzeit vielerorts beobachten lässt.

Und gerade deshalb sollten wir schon beim ersten Druck nicht klein beigeben, sondern uns wehren – gegen den Generalverdacht, der sich zunehmend gegen zivilgesellschaftliches Engagement richtet, gegen kulturkriegerische Hetze, die diesen Verdacht gezielt nährt, und gegen Kürzungen, die unsere Demokratie schwächen.

Habt ein sonniges Wochenende Daniel

Pushback-Dokumentar: Norwegisches Gericht lehnt Auslieferung von Tommy Olsen an Griechenland ab Tommy Olsen nutzt soziale Medien, um Geflüchtete sichtbar zu machen und damit deren Pushbacks zu verhindern. In Griechenland soll ihm deshalb der Prozess gemacht werden. Die Auslieferung des Norwegers ist nun abgewendet – vorerst. Von Matthias Monroy –

Katholikentag: Merz sagt „Nein“ zu Social-Media-Verbot Vor laufender Kamera wird der Bundeskanzler auf dem Katholikentag gefragt: „Verbot, Social Media, sind Sie dafür?“ Und Friedrich Merz sagt: „Nein.“ Was heißt das für die Debatte? Von Sebastian Meineck –

Social-Media-Verbot: Weder wissenschaftlich fundiert noch effektiv Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für ein pauschales Social-Media-Verbot für Minderjährige, sagen Forscher*innen auf der Digitalkonferenz re:publica. Selbst viele Befürworter*innen eines Verbots zweifeln an dessen Wirksamkeit. Erste Zahlen aus Australien legen nahe, warum diese Skepsis berechtigt ist. Von Timur Vorkul –

Jugendschutz-Empfehlungen: „Ein Blumenstrauß von Vorschlägen und Ideen“ Kommt das Social-Media-Verbot? Im Auftrag der Bundesregierung arbeiten Fachleute an Empfehlungen für Jugendschutz im Netz. Auf der Berliner Konferenz für Jugendliche Tincon geben die Co-Vorsitzenden des Gremiums neue Einblicke. Von Sebastian Meineck –

„Wettlauf nach unten“: Karen Hao kritisiert europäischen KI-Kurs Auf der re:publica kritisiert die Autorin Karen Hao die Macht und Rücksichtslosigkeit großer KI-Konzerne. Ihre dringende Warnung an die EU: Hört auf, den Ansatz der USA zu kopieren, und macht euch unabhängig von den Imperien des digitalen Zeitalters. Von Ingo Dachwitz –

Gekapptes „Demokratie leben“-Programm: Wie sich Priens Kahlschlag auswirkt Deutschland braucht mehr Medienkompetenz und weniger Hass im Netz, beschwört eine politische Sonntagsrede nach der anderen. Trotzdem will Bildungsministerin Prien ausgerechnet solchen Projekten die Förderung entziehen. Wie passt das zusammen? Von Tomas Rudl –

Familienministerin: Karin Prien will Social-Media-Verbot nicht „Verbot“ nennen Die CDU will ein Social-Media-Verbot für Minderjährige, der Bundeskanzler hat dazu „Nein“ gesagt. Und die Familienministerin? Auf der Digitalkonferenz re:publica legt sich Karin Prien (CDU) nicht fest – und hält sich alle Optionen offen. Von Sebastian Meineck –

HateAid nach US-Einreiseverbot: „Wir sollten nicht fürchten müssen, vor den Bus geschubst zu werden“ Die USA belegten HateAid-Geschäftsführerin Josephine Ballon und ihre Kollegin mit Einreiseverboten – weil sie dabei helfen, EU-Gesetze gegen Plattformen durchzusetzen. Im Interview spricht Ballon über Einschüchterung, Angst vor Finanzsanktionen und die Notwendigkeit, sich von US-Digitalkonzernen unabhängig zu machen. Von Chris Köver –

Nach Schuss in den Kopf: Wie argentinische Aktivist*innen einen Polizisten vor Gericht brachten Vor guten einem Jahr bohrte sich eine Tränengaspatrone in den Schädel des Fotografen Pablo Grillo. Der Polizist, der die Waffe abgefeuert hat, steht heute vor Gericht. Möglich war das nur, weil sich Freiwillige tagelang durch Videos gewühlt haben. Von Gastbeitrag, Nina Galla –

AI Forensics vs. BigTech: „We can have retaliation against us“ The Grok deepfake scandal was uncovered with the help of the data-driven investigation conducted by AI Forensics. In an interview with netzpolitik.org, the NGO’s director Marc Faddoul talks about the risk of being targeted by Elon Musk, and what other issues they encounter in their work with regulators such as the European Commission. Von Anna Ströbele Romero –

AI Forensics gegen BigTech: „Es kann zu Vergeltungsmaßnahmen gegen uns kommen“ Der Deepfake-Skandal um den Chatbot Grok basierte auf Daten, die die Organisation AI Forensics gesammelt hatte. Der Direktor der NGO, Marc Faddoul, spricht über das Risiko, ins Visier von Musk zu geraten und darüber, welche weiteren Probleme ihnen in der Arbeit mit Regulierungsbehörden begegnen. Von Anna Ströbele Romero –

Digitale Souveränität: Wie die Entzauberung eines Mythos gelingt Um den Begriff digitale Souveränität ranken sich zahlreiche Legenden, wie auch die diesjährige re:publica zeigte. Julia Pohle und Marielle-Sophie Düh vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung unterzogen diese vor Ort einer Wirklichkeitsprüfung. Und sie zeigen eine Alternative zum Buzzword auf. Von Esther Menhard –

Öffentlichkeitsfahndungen: Wanted Dead or Alive Eigentlich gibt es hohe Hürden dafür, wenn die Polizei mit einem Foto öffentlich nach Tatverdächtigen fahnden will. Doch zum einen setzen manche Öffentlichkeitsfahndungen auch für kleine Delikte ein, zum anderen stammen die Regeln dafür aus einer Zeit vor großen sozialen Medien. Athena Möller kritisiert im Grundrechte-Report 2026, dass sich trotz guter Vorschläge daran nichts ändert Von Gastbeitrag, Athena Möller –

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Die 21. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 13 neue Texte mit insgesamt 101.115 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

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Liebe Leser:innen,

die Zivilgesellschaft steht in vielen Ländern unter Druck. Dass sich die Menschen dem noch lange nicht beugen, zeigt eindrucksvoll der Fall des Fotografen Pablo Grillo in Argentinien. An ihn habe ich in den vergangenen Tagen oft gedacht, nachdem ich den Text von Nina Galla gelesen hatte.

Pablo war im März 2025 auf einer Demonstration in Buenos Aires gewesen. Rentner:innen protestierten dort gegen steigende Kosten, zunehmende Armut und den Kurs des rechtsradikalen Kettensägen-Präsidenten Javier Milei. Damit gingen sie ein hohes Risiko ein. Denn Mileis Regierung hat das Demonstrationsrecht massiv eingeschränkt. Wer dennoch auf die Straße geht, muss mit Willkür und brutaler Polizeigewalt rechnen.

Pablo traf an diesem Tag eine Tränengasgranate ins Gesicht. Er wurde lebensgefährlich verletzt, über Wochen bangten Menschen landesweit um sein Leben.

Noch während der Fotograf im Krankenhaus war, begannen Aktivist:innen damit, Beweise für die Tat zu sammeln, die sie von anderen Demonstrierenden oder direkt von Journalist:innen erhielten. Sie rekonstruierten die Geschehnisse, konnten nachweisen, dass die Polizei an dem Tag wiederholt auf Demonstrierende geschossen hatte und brachten den mutmaßlichen Täter, einen Polizisten, vor Gericht.

Erst vor wenigen Wochen kehrte Pablo Grillo nach Hause zurück. Es ist unklar, welche gesundheitlichen Folgen der Schuss langfristig für ihn hat. Das Verfahren gegen den Polizisten läuft noch.

Der Fall zeigt für mich, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich zusammenschließen, gemeinsam aufstehen und sich wehren. Ich hoffe, dass ihre Recherchearbeit dazu führt, dass Pablo Gerechtigkeit widerfährt.

Gegendruck aufbauen, von Anfang an

Derweil wächst auch in Deutschland der Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen. Meine Kollegin Chris hat diese Woche ein Interview mit Josephine Ballon von HateAid geführt . Die Trump-Regierung hat Ballon und ihre Co-Geschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg Ende vergangenen Jahres mit einem Einreiseverbot belegt – weil sie „radikale Aktivistinnen“ und „Agentinnen des industriellen Zensurkomplexes“ seien. Josephine Ballon fürchtet, dass das nur der Anfang ist und HateAid bald auch von Zahlungsverkehr und IT-Dienstleistungen ausgeschlossen sein könnten.

Gerade jetzt sollte die Bundesregierung fest hinter der hiesigen Zivilgesellschaft stehen, finde ich. Stattdessen aber will Bildungsministerin Prien zivilgesellschaftlichen Initiativen nicht nur einer „breit angelegten Verfassungsschutzprüfung“ unterziehen , sondern auch Fördermittel drastisch kürzen . Betroffen wären neben HateAid etwa auch die Amadeu Antonio Stiftung und die Open Knowledge Foundation Deutschland. Ihnen würden dann Mittel fehlen, um gegen digitale Gewalt, Antisemitismus und Rechtsradikalismus vorzugehen.

Mir ist klar, dass die derzeitige Lage in Deutschland bei weitem nicht so dramatisch ist wie in Argentinien. Auf mich wirken sie aber wie der Anfang und das drohende Ende einer Entwicklung, die sich derzeit vielerorts beobachten lässt.

Und gerade deshalb sollten wir schon beim ersten Druck nicht klein beigeben, sondern uns wehren – gegen den Generalverdacht, der sich zunehmend gegen zivilgesellschaftliches Engagement richtet, gegen kulturkriegerische Hetze, die diesen Verdacht gezielt nährt, und gegen Kürzungen, die unsere Demokratie schwächen.

Habt ein sonniges Wochenende Daniel

Pushback-Dokumentar: Norwegisches Gericht lehnt Auslieferung von Tommy Olsen an Griechenland ab Tommy Olsen nutzt soziale Medien, um Geflüchtete sichtbar zu machen und damit deren Pushbacks zu verhindern. In Griechenland soll ihm deshalb der Prozess gemacht werden. Die Auslieferung des Norwegers ist nun abgewendet – vorerst. Von Matthias Monroy –

Katholikentag: Merz sagt „Nein“ zu Social-Media-Verbot Vor laufender Kamera wird der Bundeskanzler auf dem Katholikentag gefragt: „Verbot, Social Media, sind Sie dafür?“ Und Friedrich Merz sagt: „Nein.“ Was heißt das für die Debatte? Von Sebastian Meineck –

Social-Media-Verbot: Weder wissenschaftlich fundiert noch effektiv Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für ein pauschales Social-Media-Verbot für Minderjährige, sagen Forscher*innen auf der Digitalkonferenz re:publica. Selbst viele Befürworter*innen eines Verbots zweifeln an dessen Wirksamkeit. Erste Zahlen aus Australien legen nahe, warum diese Skepsis berechtigt ist. Von Timur Vorkul –

Jugendschutz-Empfehlungen: „Ein Blumenstrauß von Vorschlägen und Ideen“ Kommt das Social-Media-Verbot? Im Auftrag der Bundesregierung arbeiten Fachleute an Empfehlungen für Jugendschutz im Netz. Auf der Berliner Konferenz für Jugendliche Tincon geben die Co-Vorsitzenden des Gremiums neue Einblicke. Von Sebastian Meineck –

„Wettlauf nach unten“: Karen Hao kritisiert europäischen KI-Kurs Auf der re:publica kritisiert die Autorin Karen Hao die Macht und Rücksichtslosigkeit großer KI-Konzerne. Ihre dringende Warnung an die EU: Hört auf, den Ansatz der USA zu kopieren, und macht euch unabhängig von den Imperien des digitalen Zeitalters. Von Ingo Dachwitz –

Gekapptes „Demokratie leben“-Programm: Wie sich Priens Kahlschlag auswirkt Deutschland braucht mehr Medienkompetenz und weniger Hass im Netz, beschwört eine politische Sonntagsrede nach der anderen. Trotzdem will Bildungsministerin Prien ausgerechnet solchen Projekten die Förderung entziehen. Wie passt das zusammen? Von Tomas Rudl –

Familienministerin: Karin Prien will Social-Media-Verbot nicht „Verbot“ nennen Die CDU will ein Social-Media-Verbot für Minderjährige, der Bundeskanzler hat dazu „Nein“ gesagt. Und die Familienministerin? Auf der Digitalkonferenz re:publica legt sich Karin Prien (CDU) nicht fest – und hält sich alle Optionen offen. Von Sebastian Meineck –

HateAid nach US-Einreiseverbot: „Wir sollten nicht fürchten müssen, vor den Bus geschubst zu werden“ Die USA belegten HateAid-Geschäftsführerin Josephine Ballon und ihre Kollegin mit Einreiseverboten – weil sie dabei helfen, EU-Gesetze gegen Plattformen durchzusetzen. Im Interview spricht Ballon über Einschüchterung, Angst vor Finanzsanktionen und die Notwendigkeit, sich von US-Digitalkonzernen unabhängig zu machen. Von Chris Köver –

Nach Schuss in den Kopf: Wie argentinische Aktivist*innen einen Polizisten vor Gericht brachten Vor guten einem Jahr bohrte sich eine Tränengaspatrone in den Schädel des Fotografen Pablo Grillo. Der Polizist, der die Waffe abgefeuert hat, steht heute vor Gericht. Möglich war das nur, weil sich Freiwillige tagelang durch Videos gewühlt haben. Von Gastbeitrag, Nina Galla –

AI Forensics vs. BigTech: „We can have retaliation against us“ The Grok deepfake scandal was uncovered with the help of the data-driven investigation conducted by AI Forensics. In an interview with netzpolitik.org, the NGO’s director Marc Faddoul talks about the risk of being targeted by Elon Musk, and what other issues they encounter in their work with regulators such as the European Commission. Von Anna Ströbele Romero –

AI Forensics gegen BigTech: „Es kann zu Vergeltungsmaßnahmen gegen uns kommen“ Der Deepfake-Skandal um den Chatbot Grok basierte auf Daten, die die Organisation AI Forensics gesammelt hatte. Der Direktor der NGO, Marc Faddoul, spricht über das Risiko, ins Visier von Musk zu geraten und darüber, welche weiteren Probleme ihnen in der Arbeit mit Regulierungsbehörden begegnen. Von Anna Ströbele Romero –

Digitale Souveränität: Wie die Entzauberung eines Mythos gelingt Um den Begriff digitale Souveränität ranken sich zahlreiche Legenden, wie auch die diesjährige re:publica zeigte. Julia Pohle und Marielle-Sophie Düh vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung unterzogen diese vor Ort einer Wirklichkeitsprüfung. Und sie zeigen eine Alternative zum Buzzword auf. Von Esther Menhard –

Öffentlichkeitsfahndungen: Wanted Dead or Alive Eigentlich gibt es hohe Hürden dafür, wenn die Polizei mit einem Foto öffentlich nach Tatverdächtigen fahnden will. Doch zum einen setzen manche Öffentlichkeitsfahndungen auch für kleine Delikte ein, zum anderen stammen die Regeln dafür aus einer Zeit vor großen sozialen Medien. Athena Möller kritisiert im Grundrechte-Report 2026, dass sich trotz guter Vorschläge daran nichts ändert Von Gastbeitrag, Athena Möller –

Digitale Souveränität: Wie die Entzauberung eines Mythos gelingt

netzpolitik·2026-05-22GesellschaftRegulierung

Um den Begriff digitale Souveränität ranken sich zahlreiche Legenden, wie auch die diesjährige re:publica zeigte. Julia Pohle und Marielle-Sophie Düh vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung unterzogen diese vor Ort einer Wirklichkeitsprüfung. Und sie zeigen eine Alternative zum Buzzword auf.

Marielle-Sophie Düh und Julia Pohle wollen Klarheit in die Debatte bringen. – CC-BY-SA 4.0 : Screenshot und Bearbeitung: netzpolitik.org Für sie ist digitale Souveränität das Thema der re:publica 2026, sagte Astrid Maier, stellvertretende Chefredakteurin der Nachrichtenagentur dpa. Auf der Digitalkonferenz moderierte sie am Mittwoch eine Podiumsdiskussion dazu, wie deutsche Medienhäuser Software großer US-Konzerne einsetzen.

Maiers Eindruck verwundert wenig angesichts der Fülle an Talks, Podiumsdiskussionen und Workshops zu diesem Schlagwort – ganz gleich, ob es um sogenannte Künstliche Intelligenz, Cloud-Speicher, Rechenzentren oder Bezahlsysteme ging.

Allerdings verstanden die beteiligten Panel-Teilnehmer:innen unter digitaler Souveränität durchaus Unterschiedliches. Über Grundrechte sprach etwa re:publica-Mitgründer Markus Beckedahl. Thomas Jarzombek, Staatssekretär im Bundesdigitalministerium, will hingegen die europäische KI-Start-up-Szene stärken. Und auf dem Panel „Cut me loose: Wie der EU der digitale Befreiungsschlag gelingt“ plädierte die EU-Abgeordnete Alexandra Geese (Grüne) gemeinsam mit nextcloud-CEO Frank Karlitschek dafür, Open-Source bei IT-Unternehmen aus der EU einzukaufen. Ihr Gegenüber Axel Voss (CDU) sprach sich derweil für möglichst rasche Deregulierung aus.

Versäumte Fragen

Das breite Spektrum an Meinungen zum Thema lasse sich unter anderem damit erklären, dass die Debattierenden unterschiedliche oder sogar gegenläufige Verständnisse des Begriffs haben, lautet die Beobachtung von Julia Pohle und Marielle-Sophie Düh vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Aus ihrer Sicht versäumen wir es, in der Debatte zunächst drei Fragen zu stellen: Für wen soll digitale Souveränität erreicht werden? Von wem? Und zu welchem Ziel?

In ihrem Talk „Digitale Souveränität: Das Bullshit Bingo“ erklärten die beiden Politikwissenschaftlerinnen, welche Mythen die Debatte hemmen. So sei das zugrundeliegende Konzept, auch wenn der aktuelle Hype etwas anderes suggeriere, keineswegs neu. Spätestens der Bericht „ Die Informatisierung der Gesellschaft “ der hochrangigen französischen Beamten Simon Nora und Alain Minc habe 1978 den Startschuss für die Debatte gegeben.

Darin richteten Nora und Minc vor knapp 50 Jahren einen dringlichen Appell an den französischen Präsidenten: „Es ist eine Frage der Souveränität. Der Kampf gegen die Übermacht der amerikanischen Industrie im Bereich der Computer-Technologie ist bereits verloren.“

Kein primär demokratisches Konzept

Auch den Mythos, dass „digitale Souveränität“ ein europäisches oder primär demokratisches Konzept sei, entzaubern Düh und Pohle.

Denn auch Länder in anderen Teilen der Welt streben nach digitaler Souveränität. So zielten etwa der IndiaStack in Indien oder die Initiative African Digital Compact der Afrikanischen Union darauf ab, ihre Wirtschaften mittels digitaler Technologien zu fördern.

Zugleich nutzen autokratische Länder das Konzept, um staatliche Kontrolle zu stärken. So hievte Russland das „souveräne Internet“ bereits im Jahr 2012 auf die staatliche Agenda; China tat Ähnliches schon 2010.

Damals schrieb das Informationsbüro des Staatsrats der Volksrepublik: „Das Internet ist eine Frage des wirtschaftlichen Wohlstands und Entwicklung, der staatlichen Sicherheit und gesellschaftlichen Stabilität, der staatlichen Souveränität.“ Der Staat müsse demnach im Netz die Hoheit haben und Regeln setzen. Das zentrale Ziel lautete: Informationskontrolle.

Um wen geht’s?

Dass der Begriff in der europäischen Debatte zugleich vielfältig genutzt wird, verdankt sich laut Pohle und Düh den drei Dimensionen, die er umfasst: Nutzer:innen, Staat und Wirtschaft.

Auf EU-Ebene stehe „digitale Souveränität“ quasi für eine allumfassende Heilsstrategie, die etwa die Kommission gerne ins Zentrum europäischer Digitalpolitik stellen würde, so Pohle. Doch das gebe der Begriff nicht her, da mit ihm unterschiedliche Ziele verknüpft seien, wie etwa der Schutz von Nutzerrechten, die Sicherheit von Infrastrukturen, die Unabhängigkeit der öffentlichen Verwaltung sowie – nicht zuletzt – die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit.

Der Schutz demokratischer Öffentlichkeiten habe im europäischen Diskurs lange Zeit im Vordergrund gestanden, sagte Pohle, die bereits seit 15 Jahren zum Thema forscht. Inzwischen dominiere aber die wirtschaftliche Dimension die Debatte.

Dass die einzelnen Stakeholder jeweils einen anderen Fokus haben, mache es schwer, das Konzept umzusetzen. „Wenn unklar ist, wie diese Dimensionen ineinander spielen und welche Ziele angestrebt werden sollen, ist auch unklar, was für Maßnahmen es braucht, um die zu erreichen“, so Pohle.

Mehr Rechenzentren sorgen nicht für mehr Datensouveränität

Diese Unklarheit erkläre wohl auch, warum insbesondere vermeintlich souveräne Cloud-Produkte von Amazon, Google und Microsoft derzeit stark nachgefragt seien.

Deren Versprechen seien jedoch überaus zweifelhaft, sagt Düh. Wenn eigene Rechenzentren tatsächlich zu digitaler Souveränität führen würden, müsste Deutschland bereits Cloud-Souveränität erreicht haben. Die Bundesrepublik ist nach den USA das Land mit den meisten Rechenzentren weltweit und rangiert damit noch vor China. Gleichzeitig aber seien „wir zu 80 Prozent von den US-amerikanischen Cloud-Anbietern abhängig“.

Allerdings sei das Versprechen der Tech-Konzerne aus den USA, wonach die in der EU gehosteten Daten sicher seien, hohl. Denn der US-amerikanische Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act, kurz CLOUD Act, verpflichtet sie unter bestimmten Bedingungen dazu, Daten gegenüber US-Behörden offenzulegen – auch wenn sich diese außerhalb der Vereinigten Staaten befinden.

Klar sagen, worum es geht

Wenn wir in der Debatte um digitale Souveränität weiterkommen wollen, so Pohles und Dühs Fazit, müssen wir auf den Begriff möglichst verzichten. Stattdessen sollten wir klar benennen, um was es uns konkret geht – um Wettbewerbsfähigkeit, um öffentliche Beschaffung, um Grundrechte, um Sicherheitspolitik.

Andernfalls laufen alle Beteiligten an der Debatte Gefahr, Forderungen stark zu machen, hinter denen sie eigentlich nicht stehen. Und das dürfte weder in unserem Interesse liegen noch einer konstruktiven Debatte zuträglich sein.

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Um den Begriff digitale Souveränität ranken sich zahlreiche Legenden, wie auch die diesjährige re:publica zeigte. Julia Pohle und Marielle-Sophie Düh vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung unterzogen diese vor Ort einer Wirklichkeitsprüfung. Und sie zeigen eine Alternative zum Buzzword auf.

Marielle-Sophie Düh und Julia Pohle wollen Klarheit in die Debatte bringen. – CC-BY-SA 4.0 : Screenshot und Bearbeitung: netzpolitik.org Für sie ist digitale Souveränität das Thema der re:publica 2026, sagte Astrid Maier, stellvertretende Chefredakteurin der Nachrichtenagentur dpa. Auf der Digitalkonferenz moderierte sie am Mittwoch eine Podiumsdiskussion dazu, wie deutsche Medienhäuser Software großer US-Konzerne einsetzen.

Maiers Eindruck verwundert wenig angesichts der Fülle an Talks, Podiumsdiskussionen und Workshops zu diesem Schlagwort – ganz gleich, ob es um sogenannte Künstliche Intelligenz, Cloud-Speicher, Rechenzentren oder Bezahlsysteme ging.

Allerdings verstanden die beteiligten Panel-Teilnehmer:innen unter digitaler Souveränität durchaus Unterschiedliches. Über Grundrechte sprach etwa re:publica-Mitgründer Markus Beckedahl. Thomas Jarzombek, Staatssekretär im Bundesdigitalministerium, will hingegen die europäische KI-Start-up-Szene stärken. Und auf dem Panel „Cut me loose: Wie der EU der digitale Befreiungsschlag gelingt“ plädierte die EU-Abgeordnete Alexandra Geese (Grüne) gemeinsam mit nextcloud-CEO Frank Karlitschek dafür, Open-Source bei IT-Unternehmen aus der EU einzukaufen. Ihr Gegenüber Axel Voss (CDU) sprach sich derweil für möglichst rasche Deregulierung aus.

Versäumte Fragen

Das breite Spektrum an Meinungen zum Thema lasse sich unter anderem damit erklären, dass die Debattierenden unterschiedliche oder sogar gegenläufige Verständnisse des Begriffs haben, lautet die Beobachtung von Julia Pohle und Marielle-Sophie Düh vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Aus ihrer Sicht versäumen wir es, in der Debatte zunächst drei Fragen zu stellen: Für wen soll digitale Souveränität erreicht werden? Von wem? Und zu welchem Ziel?

In ihrem Talk „Digitale Souveränität: Das Bullshit Bingo“ erklärten die beiden Politikwissenschaftlerinnen, welche Mythen die Debatte hemmen. So sei das zugrundeliegende Konzept, auch wenn der aktuelle Hype etwas anderes suggeriere, keineswegs neu. Spätestens der Bericht „ Die Informatisierung der Gesellschaft “ der hochrangigen französischen Beamten Simon Nora und Alain Minc habe 1978 den Startschuss für die Debatte gegeben.

Darin richteten Nora und Minc vor knapp 50 Jahren einen dringlichen Appell an den französischen Präsidenten: „Es ist eine Frage der Souveränität. Der Kampf gegen die Übermacht der amerikanischen Industrie im Bereich der Computer-Technologie ist bereits verloren.“

Kein primär demokratisches Konzept

Auch den Mythos, dass „digitale Souveränität“ ein europäisches oder primär demokratisches Konzept sei, entzaubern Düh und Pohle.

Denn auch Länder in anderen Teilen der Welt streben nach digitaler Souveränität. So zielten etwa der IndiaStack in Indien oder die Initiative African Digital Compact der Afrikanischen Union darauf ab, ihre Wirtschaften mittels digitaler Technologien zu fördern.

Zugleich nutzen autokratische Länder das Konzept, um staatliche Kontrolle zu stärken. So hievte Russland das „souveräne Internet“ bereits im Jahr 2012 auf die staatliche Agenda; China tat Ähnliches schon 2010.

Damals schrieb das Informationsbüro des Staatsrats der Volksrepublik: „Das Internet ist eine Frage des wirtschaftlichen Wohlstands und Entwicklung, der staatlichen Sicherheit und gesellschaftlichen Stabilität, der staatlichen Souveränität.“ Der Staat müsse demnach im Netz die Hoheit haben und Regeln setzen. Das zentrale Ziel lautete: Informationskontrolle.

Um wen geht’s?

Dass der Begriff in der europäischen Debatte zugleich vielfältig genutzt wird, verdankt sich laut Pohle und Düh den drei Dimensionen, die er umfasst: Nutzer:innen, Staat und Wirtschaft.

Auf EU-Ebene stehe „digitale Souveränität“ quasi für eine allumfassende Heilsstrategie, die etwa die Kommission gerne ins Zentrum europäischer Digitalpolitik stellen würde, so Pohle. Doch das gebe der Begriff nicht her, da mit ihm unterschiedliche Ziele verknüpft seien, wie etwa der Schutz von Nutzerrechten, die Sicherheit von Infrastrukturen, die Unabhängigkeit der öffentlichen Verwaltung sowie – nicht zuletzt – die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit.

Der Schutz demokratischer Öffentlichkeiten habe im europäischen Diskurs lange Zeit im Vordergrund gestanden, sagte Pohle, die bereits seit 15 Jahren zum Thema forscht. Inzwischen dominiere aber die wirtschaftliche Dimension die Debatte.

Dass die einzelnen Stakeholder jeweils einen anderen Fokus haben, mache es schwer, das Konzept umzusetzen. „Wenn unklar ist, wie diese Dimensionen ineinander spielen und welche Ziele angestrebt werden sollen, ist auch unklar, was für Maßnahmen es braucht, um die zu erreichen“, so Pohle.

Mehr Rechenzentren sorgen nicht für mehr Datensouveränität

Diese Unklarheit erkläre wohl auch, warum insbesondere vermeintlich souveräne Cloud-Produkte von Amazon, Google und Microsoft derzeit stark nachgefragt seien.

Deren Versprechen seien jedoch überaus zweifelhaft, sagt Düh. Wenn eigene Rechenzentren tatsächlich zu digitaler Souveränität führen würden, müsste Deutschland bereits Cloud-Souveränität erreicht haben. Die Bundesrepublik ist nach den USA das Land mit den meisten Rechenzentren weltweit und rangiert damit noch vor China. Gleichzeitig aber seien „wir zu 80 Prozent von den US-amerikanischen Cloud-Anbietern abhängig“.

Allerdings sei das Versprechen der Tech-Konzerne aus den USA, wonach die in der EU gehosteten Daten sicher seien, hohl. Denn der US-amerikanische Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act, kurz CLOUD Act, verpflichtet sie unter bestimmten Bedingungen dazu, Daten gegenüber US-Behörden offenzulegen – auch wenn sich diese außerhalb der Vereinigten Staaten befinden.

Klar sagen, worum es geht

Wenn wir in der Debatte um digitale Souveränität weiterkommen wollen, so Pohles und Dühs Fazit, müssen wir auf den Begriff möglichst verzichten. Stattdessen sollten wir klar benennen, um was es uns konkret geht – um Wettbewerbsfähigkeit, um öffentliche Beschaffung, um Grundrechte, um Sicherheitspolitik.

Andernfalls laufen alle Beteiligten an der Debatte Gefahr, Forderungen stark zu machen, hinter denen sie eigentlich nicht stehen. Und das dürfte weder in unserem Interesse liegen noch einer konstruktiven Debatte zuträglich sein.

AI Forensics gegen BigTech: „Es kann zu Vergeltungsmaßnahmen gegen uns kommen“

netzpolitik·2026-05-22GesellschaftRegulierungForschung

Der Deepfake-Skandal um den Chatbot Grok basierte auf Daten, die die Organisation AI Forensics gesammelt hatte. Der Direktor der NGO, Marc Faddoul, spricht über das Risiko, ins Visier von Musk zu geraten und darüber, welche weiteren Probleme ihnen in der Arbeit mit Regulierungsbehörden begegnen.

Marc Faddoul untersucht mit seiner Organisation verschiedene Plattformen. – Alle Rechte vorbehalten: Marc Faddoul: AI Forensics, X: unsplash / BoliviaInteligente Bei der Durchsetzung europäischer Digitalgesetze sind die EU-Kommission und nationale Behörden nicht auf sich allein gestellt. Vor allem für die Sammlung von Beweisen stützen sie sich oft auf die Arbeit externer Organisationen wie AI Forensics.

Die gemeinnützige Organisation analysiert und untersucht die Algorithmen, die die Informationslandschaft prägen. Mit Sitz in Paris versteht sie sich als europäische Organisation, deren Mitarbeitende über den ganzen Kontinent verstreut sind.

In einem Interview mit netzpolitik.org erzählt Marc Faddoul, Gründer und Direktor von AI Forensics, von den Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden und zeigt auf, wie die Rahmenbedingungen verbessert werden könnten: durch flexible Finanzierung und rechtlichen Schutz.

Mitwirkung hinter den Kulissen

netzpolitik.org: Wir fragen oft, ob die EU-Kommission oder die nationalen Behörden über genügend Personal verfügen, um das Gesetz über digitale Dienste (DSA) durchzusetzen, aber niemand erwähnt jemals Mitwirkende wie euch. Ich nehme an, das liegt zum Teil daran, dass ihr nicht über alles sprechen dürft, was ihr zu Untersuchungen beitragt …

Marc Faddoul: In gewisser Weise bin ich manchmal selbst schockiert. Über die Rolle, die wir in diesen großen politischen Kontexten spielen, darüber, wie viel auf die Zivilgesellschaft zurückfällt.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Anzahl der Personen ausschlaggebend ist. Es geht eher um das spezifische Fachwissen, das für diese Arbeit erforderlich ist. Das ist nicht unbedingt das Profil, das von Institutionen angezogen wird.

Und auch die Methoden: Wir müssen oft unkonventionelle und „konfrontative Methoden“ anwenden, um unsere Arbeit zu erledigen. Das ist nicht das, was Institutionen am besten können.

netzpolitik.org: Fangen wir also ganz am Anfang an. Was genau macht ihr?

Marc Faddoul: Wir haben uns intensiv mit Empfehlungssystemen in sozialen Medien beschäftigt, da diese früher – und auch heute noch weitgehend – das einflussreichste algorithmische System bei der Auswahl der Informationen sind, die wir konsumieren. Wir beschäftigen uns zunehmend mit Chatbots, da diese zu den neuen Gatekeepern von Online-Inhalten werden.

Unsere Zielgruppe ist die breite Öffentlichkeit, meist über Journalist:innen. Und wir richten uns gezielter an Regulierungsbehörden und politische Entscheidungsträger:innen, um politische Entscheidungsprozesse zu beeinflussen und insbesondere bestehende Gesetze durchzusetzen.

Unsere Berichte sind stets datengestützt. Wir sammeln Daten, auch zu Systemen, für die es keine offiziellen Datenzugriffsmechanismen gibt. Dazu nutzen wir sogenannte „konfrontative Methoden“, die es uns ermöglichen, öffentlich zugängliche Inhalte direkt aus diesen Diensten zu scrapen und so zu analysieren, wie sie sich unter verschiedenen Bedingungen und für verschiedene Nutzende verhalten.

netzpolitik.org: Du hast die Durchsetzung von Gesetzen angesprochen. Gibt es neben dem Digital Services Act noch andere Gesetze, die ebenfalls von großer Bedeutung sind, oder ist das derzeit wirklich das wichtigste?

Marc Faddoul: Es ist definitiv das wichtigste.

Erstens, weil es auf europäischer Ebene angesiedelt ist. Wenn man es mit diesen riesigen Tech-Giganten zu tun hat, braucht man eine ausreichend starke wirtschaftliche Macht, um seine Regeln durchsetzen zu können.

Zweitens umfasst es durch den Begriff der systemischen Risiken eine Vielzahl von Aspekten: Integrität von Wahlen, Risiken für die psychische Gesundheit, durch Technologie begünstigte geschlechtsspezifische Gewalt. In diesem DSA-Artikel wird eine ganze Reihe von Risiken erfasst, was den DSA zu einem der bislang flexibelsten Rechtsrahmen macht.

Aber wir arbeiten nicht nur am DSA. Kürzlich haben wir diese Studie durchgeführt, die die Verbreitung nicht-einvernehmlicher intimer Bilder und die Produktion von Missbrauchs-Darstellungen durch Grok aufdeckt. Beide Themen werden auch von vielen anderen Gesetze abgedeckt, sowohl in Europa als auch weltweit. In diesen Fällen arbeiten wir auch mit anderen Regulierungsbehörden zusammen, etwa in Australien, Großbritannien und Kalifornien.

netzpolitik.org: Und wie genau arbeitet ihr mit den Regulierungsbehörden zusammen? Macht ihr diese auf bestimmte Themen aufmerksam oder erhaltet ihr Aufträge von ihnen?

Marc Faddoul: In vielen Fällen führen wir eigene Untersuchungen durch und machen die Regulierungsbehörden dann darauf aufmerksam. Das geschieht also wirklich auf eigene Initiative.

In anderen Fällen wenden sich die Regulierungsbehörden mit konkreten Anfragen an uns. Das kann gegen Bezahlung oder im Rahmen eines Vertrags geschehen, muss aber nicht immer so sein.

Zum Teil unbezahlte Arbeit

netzpolitik.org: Und wenn es nicht bezahlt wird, warum macht ihr die Arbeit dann trotzdem?

Marc Faddoul: Wenn es unbezahlt ist, machen wir es trotzdem, weil es im Einklang mit dem Auftrag unserer Organisation steht, Plattformen gegenüber den Nutzenden und dem Gesetz zur Rechenschaft zu ziehen.

Aber natürlich gibt es Grenzen dafür, wie viel wir unter diesen Bedingungen leisten können, daher kann es nicht systematisch sein.

Es mangelt eindeutig an Finanzierungsmechanismen seitens der Institutionen, um das Ökosystem zu unterstützen. In gewisser Hinsicht entstehen zwar neue Mechanismen, aber sie sind noch recht begrenzt.

netzpolitik.org: Wer entscheidet über die Finanzierung und wie sollte sie eurer Meinung nach verbessert werden?

Marc Faddoul: Auf europäischer Ebene ist jetzt ein wichtiger Moment, da gerade die Verhandlungen über den mehrjährigen EU-Haushalt laufen. Ich denke, das ist eine große Chance, auf eine flexiblere Finanzierung hinzuwirken.

Einer der größten Kritikpunkte ist derzeit, dass ein Großteil der Mittel über Ausschreibungen des Horizont-Programms bereitgestellt wird. Bei denen handelt es sich in der Regel um dreijährige Projekte, die in einem großen Konsortium aus zehn oder mehr Organisationen durchgeführt werden müssen.

Das ist ziemlich unflexibel, da man drei Jahre im Voraus nicht vorhersehen kann, was am relevantesten sein wird.

Beispielsweise hat der Mechanismus zur Altersverifikation eine hohe Priorität erlangt. Das war vor zwei Jahren noch nicht der Fall. Es ist eine Veränderung in der politischen Agenda, die diesem Thema eine höhere Priorität einräumt.

netzpolitik.org: Okay, lass uns einmal darüber sprechen, wie sich die politische Agenda auf eure Arbeit auswirkt. In Brüssel heißt es, dass wichtige Entscheidungen in den DSA-Untersuchungen von Personen in hohen politischen Kreisen getroffen werden und es sich nicht um eine rein technische Durchsetzung handelt.

Marc Faddoul: Die Tatsache, dass dies ständig auf einer geopolitischen Ebene abgewogen wird, ist zum einen frustrierend für die Menschen, die an der Ausarbeitung dieser Untersuchung beteiligt sind, zum anderen aber vor allem unvereinbar mit den Aussagen jener Spitzenpolitiker:innen , die betonen, dass die Einhaltung europäischer Gesetze nicht verhandelbar sei und dass diese strikt durchgesetzt würden.

Zudem sendet dies ein falsches Signal an jene Plattformen und an feindselige Politiker:innen, dass sie tatsächlich Druck ausüben können, um diese Entscheidungen zu blockieren.

Und dann gibt es noch eine zweite Komponente, nämlich: Was wird durchgesetzt? Wo liegen die Prioritäten?

Hier gibt es viel Interpretationsspielraum, da der DSA sehr umfangreich ist. Er wird gerade eingeführt, und nicht alles wird mit derselben Geschwindigkeit und derselben Priorität umgesetzt.

Der politische Einfluss auf die Durchsetzung

netzpolitik.org: Was wird priorisiert?

Marc Faddoul: Die Themen, bei denen über das gesamte politische Spektrum hinweg sowie auf transatlantischer Ebene Einigkeit herrscht, etwa die Verbreitung nicht einvernehmlicher intimer Bilder. Selbst Melania Trump hat sich beispielsweise sehr für dieses spezielle Thema eingesetzt. Weitere Beispiele für Themen mit breitem Konsens sind Material von Kindesmissbrauch (CSAM) und die Altersüberprüfung. Es sind nach wie vor diese politischen Dynamiken, die bestimmen, wo der Druck angesetzt wird.

Auf der anderen Seite rückt Desinformation zum Klimawandel mittlerweile ganz nach unten auf der Prioritätenliste.

netzpolitik.org: Wie würdest du die Transparenz bei der Durchsetzung des DSA bewerten?

Marc Faddoul: Eins kann ich dir sagen: In den Untersuchungen, an denen wir beteiligt sind und in denen wir Beweismaterial vorgelegt haben, haben wir keine Ahnung, was darin steht oder wann sie veröffentlicht werden. Wir wissen nur, dass unser Material eingegangen ist.

Aber selbst dann können wir durch die Ergebnisse dieser Ermittlungen gefährdet werden.

Das ist bei der Untersuchung von X passiert. Die Geldbuße wurde verhängt, dann hat das US-Justizministerium die gesamte Ermittlungsakte mit unseren Namen darin ungeschwärzt geleakt.

Das hat also reale Konsequenzen für uns. Es kann zu Vergeltungsmaßnahmen gegen uns kommen, besonders wenn Elon Musk sehr aggressiv gegen die Geldbuße twittert und behauptet, das sei eine Zensur der Meinungsfreiheit in den USA, was natürlich völliger Unsinn ist.

Dennoch können wir in der Realität als Reaktion darauf schikaniert und angegriffen werden, aber wir hatten keinen Einfluss darauf, dass unser Name in diesen Akten erfasst wurde und dass sie veröffentlicht wurden. Und wir wurden nicht einmal wirklich über diesen Zeitplan informiert.

Das ist nicht direkt die Schuld der Kommission. Sie musste die Akte an Twitter weitergeben. Diese forderte das US-Justizministerium von Twitter an. Dann haben sie sie geleakt.

Wir sind ein zentraler Akteur bei der Aufarbeitung des Falls, haben aber keine Kontrolle und nicht einmal Informationen darüber, wie es weitergeht.

netzpolitik.org: Ihr könnt nicht nur durch Tweets oder Kommentare schikaniert werden, sondern es könnte auch rechtliche Konsequenzen geben, richtig? Gibt es dafür irgendeine Art von Schutz, oder werdet ihr da ganz allein gelassen?

Marc Faddoul: Das liegt ganz bei uns. Die Kommission hilft uns dabei in keiner Weise.

Hier haben wir eine klare politische Forderung, nämlich einen deutlich besser geschützten Raum für Menschen, die wie wir im öffentlichen Interesse recherchieren.

netzpolitik.org: Also, die wichtigsten Dinge, die ihr benötigt, sind eine bessere Finanzierung, rechtlicher Schutz, außerdem Transparenz – noch etwas?

Marc Faddoul: Nun, eigentlich halte ich es für unseren Schutz für gut, dass wir keine Einzelheiten zu den Fällen kennen. Ich würde das nicht als Forderung formulieren.

Die Finanzierung, auf jeden Fall. Sie sollte flexibler und kurzfristiger sein und nicht nur über große Konsortien laufen.

Und was den rechtlichen Schutz angeht, ja, auf jeden Fall. Ein sicherer Hafen für Forschung im öffentlichen Interesse und auch institutionelle Unterstützung, wenn wir von ausländischen Akteuren angegriffen werden, weil wir uns an der Durchsetzung demokratischer Regulierung beteiligen.

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Der Deepfake-Skandal um den Chatbot Grok basierte auf Daten, die die Organisation AI Forensics gesammelt hatte. Der Direktor der NGO, Marc Faddoul, spricht über das Risiko, ins Visier von Musk zu geraten und darüber, welche weiteren Probleme ihnen in der Arbeit mit Regulierungsbehörden begegnen.

Marc Faddoul untersucht mit seiner Organisation verschiedene Plattformen. – Alle Rechte vorbehalten: Marc Faddoul: AI Forensics, X: unsplash / BoliviaInteligente Bei der Durchsetzung europäischer Digitalgesetze sind die EU-Kommission und nationale Behörden nicht auf sich allein gestellt. Vor allem für die Sammlung von Beweisen stützen sie sich oft auf die Arbeit externer Organisationen wie AI Forensics.

Die gemeinnützige Organisation analysiert und untersucht die Algorithmen, die die Informationslandschaft prägen. Mit Sitz in Paris versteht sie sich als europäische Organisation, deren Mitarbeitende über den ganzen Kontinent verstreut sind.

In einem Interview mit netzpolitik.org erzählt Marc Faddoul, Gründer und Direktor von AI Forensics, von den Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden und zeigt auf, wie die Rahmenbedingungen verbessert werden könnten: durch flexible Finanzierung und rechtlichen Schutz.

Mitwirkung hinter den Kulissen

netzpolitik.org: Wir fragen oft, ob die EU-Kommission oder die nationalen Behörden über genügend Personal verfügen, um das Gesetz über digitale Dienste (DSA) durchzusetzen, aber niemand erwähnt jemals Mitwirkende wie euch. Ich nehme an, das liegt zum Teil daran, dass ihr nicht über alles sprechen dürft, was ihr zu Untersuchungen beitragt …

Marc Faddoul: In gewisser Weise bin ich manchmal selbst schockiert. Über die Rolle, die wir in diesen großen politischen Kontexten spielen, darüber, wie viel auf die Zivilgesellschaft zurückfällt.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Anzahl der Personen ausschlaggebend ist. Es geht eher um das spezifische Fachwissen, das für diese Arbeit erforderlich ist. Das ist nicht unbedingt das Profil, das von Institutionen angezogen wird.

Und auch die Methoden: Wir müssen oft unkonventionelle und „konfrontative Methoden“ anwenden, um unsere Arbeit zu erledigen. Das ist nicht das, was Institutionen am besten können.

netzpolitik.org: Fangen wir also ganz am Anfang an. Was genau macht ihr?

Marc Faddoul: Wir haben uns intensiv mit Empfehlungssystemen in sozialen Medien beschäftigt, da diese früher – und auch heute noch weitgehend – das einflussreichste algorithmische System bei der Auswahl der Informationen sind, die wir konsumieren. Wir beschäftigen uns zunehmend mit Chatbots, da diese zu den neuen Gatekeepern von Online-Inhalten werden.

Unsere Zielgruppe ist die breite Öffentlichkeit, meist über Journalist:innen. Und wir richten uns gezielter an Regulierungsbehörden und politische Entscheidungsträger:innen, um politische Entscheidungsprozesse zu beeinflussen und insbesondere bestehende Gesetze durchzusetzen.

Unsere Berichte sind stets datengestützt. Wir sammeln Daten, auch zu Systemen, für die es keine offiziellen Datenzugriffsmechanismen gibt. Dazu nutzen wir sogenannte „konfrontative Methoden“, die es uns ermöglichen, öffentlich zugängliche Inhalte direkt aus diesen Diensten zu scrapen und so zu analysieren, wie sie sich unter verschiedenen Bedingungen und für verschiedene Nutzende verhalten.

netzpolitik.org: Du hast die Durchsetzung von Gesetzen angesprochen. Gibt es neben dem Digital Services Act noch andere Gesetze, die ebenfalls von großer Bedeutung sind, oder ist das derzeit wirklich das wichtigste?

Marc Faddoul: Es ist definitiv das wichtigste.

Erstens, weil es auf europäischer Ebene angesiedelt ist. Wenn man es mit diesen riesigen Tech-Giganten zu tun hat, braucht man eine ausreichend starke wirtschaftliche Macht, um seine Regeln durchsetzen zu können.

Zweitens umfasst es durch den Begriff der systemischen Risiken eine Vielzahl von Aspekten: Integrität von Wahlen, Risiken für die psychische Gesundheit, durch Technologie begünstigte geschlechtsspezifische Gewalt. In diesem DSA-Artikel wird eine ganze Reihe von Risiken erfasst, was den DSA zu einem der bislang flexibelsten Rechtsrahmen macht.

Aber wir arbeiten nicht nur am DSA. Kürzlich haben wir diese Studie durchgeführt, die die Verbreitung nicht-einvernehmlicher intimer Bilder und die Produktion von Missbrauchs-Darstellungen durch Grok aufdeckt. Beide Themen werden auch von vielen anderen Gesetze abgedeckt, sowohl in Europa als auch weltweit. In diesen Fällen arbeiten wir auch mit anderen Regulierungsbehörden zusammen, etwa in Australien, Großbritannien und Kalifornien.

netzpolitik.org: Und wie genau arbeitet ihr mit den Regulierungsbehörden zusammen? Macht ihr diese auf bestimmte Themen aufmerksam oder erhaltet ihr Aufträge von ihnen?

Marc Faddoul: In vielen Fällen führen wir eigene Untersuchungen durch und machen die Regulierungsbehörden dann darauf aufmerksam. Das geschieht also wirklich auf eigene Initiative.

In anderen Fällen wenden sich die Regulierungsbehörden mit konkreten Anfragen an uns. Das kann gegen Bezahlung oder im Rahmen eines Vertrags geschehen, muss aber nicht immer so sein.

Zum Teil unbezahlte Arbeit

netzpolitik.org: Und wenn es nicht bezahlt wird, warum macht ihr die Arbeit dann trotzdem?

Marc Faddoul: Wenn es unbezahlt ist, machen wir es trotzdem, weil es im Einklang mit dem Auftrag unserer Organisation steht, Plattformen gegenüber den Nutzenden und dem Gesetz zur Rechenschaft zu ziehen.

Aber natürlich gibt es Grenzen dafür, wie viel wir unter diesen Bedingungen leisten können, daher kann es nicht systematisch sein.

Es mangelt eindeutig an Finanzierungsmechanismen seitens der Institutionen, um das Ökosystem zu unterstützen. In gewisser Hinsicht entstehen zwar neue Mechanismen, aber sie sind noch recht begrenzt.

netzpolitik.org: Wer entscheidet über die Finanzierung und wie sollte sie eurer Meinung nach verbessert werden?

Marc Faddoul: Auf europäischer Ebene ist jetzt ein wichtiger Moment, da gerade die Verhandlungen über den mehrjährigen EU-Haushalt laufen. Ich denke, das ist eine große Chance, auf eine flexiblere Finanzierung hinzuwirken.

Einer der größten Kritikpunkte ist derzeit, dass ein Großteil der Mittel über Ausschreibungen des Horizont-Programms bereitgestellt wird. Bei denen handelt es sich in der Regel um dreijährige Projekte, die in einem großen Konsortium aus zehn oder mehr Organisationen durchgeführt werden müssen.

Das ist ziemlich unflexibel, da man drei Jahre im Voraus nicht vorhersehen kann, was am relevantesten sein wird.

Beispielsweise hat der Mechanismus zur Altersverifikation eine hohe Priorität erlangt. Das war vor zwei Jahren noch nicht der Fall. Es ist eine Veränderung in der politischen Agenda, die diesem Thema eine höhere Priorität einräumt.

netzpolitik.org: Okay, lass uns einmal darüber sprechen, wie sich die politische Agenda auf eure Arbeit auswirkt. In Brüssel heißt es, dass wichtige Entscheidungen in den DSA-Untersuchungen von Personen in hohen politischen Kreisen getroffen werden und es sich nicht um eine rein technische Durchsetzung handelt.

Marc Faddoul: Die Tatsache, dass dies ständig auf einer geopolitischen Ebene abgewogen wird, ist zum einen frustrierend für die Menschen, die an der Ausarbeitung dieser Untersuchung beteiligt sind, zum anderen aber vor allem unvereinbar mit den Aussagen jener Spitzenpolitiker:innen , die betonen, dass die Einhaltung europäischer Gesetze nicht verhandelbar sei und dass diese strikt durchgesetzt würden.

Zudem sendet dies ein falsches Signal an jene Plattformen und an feindselige Politiker:innen, dass sie tatsächlich Druck ausüben können, um diese Entscheidungen zu blockieren.

Und dann gibt es noch eine zweite Komponente, nämlich: Was wird durchgesetzt? Wo liegen die Prioritäten?

Hier gibt es viel Interpretationsspielraum, da der DSA sehr umfangreich ist. Er wird gerade eingeführt, und nicht alles wird mit derselben Geschwindigkeit und derselben Priorität umgesetzt.

Der politische Einfluss auf die Durchsetzung

netzpolitik.org: Was wird priorisiert?

Marc Faddoul: Die Themen, bei denen über das gesamte politische Spektrum hinweg sowie auf transatlantischer Ebene Einigkeit herrscht, etwa die Verbreitung nicht einvernehmlicher intimer Bilder. Selbst Melania Trump hat sich beispielsweise sehr für dieses spezielle Thema eingesetzt. Weitere Beispiele für Themen mit breitem Konsens sind Material von Kindesmissbrauch (CSAM) und die Altersüberprüfung. Es sind nach wie vor diese politischen Dynamiken, die bestimmen, wo der Druck angesetzt wird.

Auf der anderen Seite rückt Desinformation zum Klimawandel mittlerweile ganz nach unten auf der Prioritätenliste.

netzpolitik.org: Wie würdest du die Transparenz bei der Durchsetzung des DSA bewerten?

Marc Faddoul: Eins kann ich dir sagen: In den Untersuchungen, an denen wir beteiligt sind und in denen wir Beweismaterial vorgelegt haben, haben wir keine Ahnung, was darin steht oder wann sie veröffentlicht werden. Wir wissen nur, dass unser Material eingegangen ist.

Aber selbst dann können wir durch die Ergebnisse dieser Ermittlungen gefährdet werden.

Das ist bei der Untersuchung von X passiert. Die Geldbuße wurde verhängt, dann hat das US-Justizministerium die gesamte Ermittlungsakte mit unseren Namen darin ungeschwärzt geleakt.

Das hat also reale Konsequenzen für uns. Es kann zu Vergeltungsmaßnahmen gegen uns kommen, besonders wenn Elon Musk sehr aggressiv gegen die Geldbuße twittert und behauptet, das sei eine Zensur der Meinungsfreiheit in den USA, was natürlich völliger Unsinn ist.

Dennoch können wir in der Realität als Reaktion darauf schikaniert und angegriffen werden, aber wir hatten keinen Einfluss darauf, dass unser Name in diesen Akten erfasst wurde und dass sie veröffentlicht wurden. Und wir wurden nicht einmal wirklich über diesen Zeitplan informiert.

Das ist nicht direkt die Schuld der Kommission. Sie musste die Akte an Twitter weitergeben. Diese forderte das US-Justizministerium von Twitter an. Dann haben sie sie geleakt.

Wir sind ein zentraler Akteur bei der Aufarbeitung des Falls, haben aber keine Kontrolle und nicht einmal Informationen darüber, wie es weitergeht.

netzpolitik.org: Ihr könnt nicht nur durch Tweets oder Kommentare schikaniert werden, sondern es könnte auch rechtliche Konsequenzen geben, richtig? Gibt es dafür irgendeine Art von Schutz, oder werdet ihr da ganz allein gelassen?

Marc Faddoul: Das liegt ganz bei uns. Die Kommission hilft uns dabei in keiner Weise.

Hier haben wir eine klare politische Forderung, nämlich einen deutlich besser geschützten Raum für Menschen, die wie wir im öffentlichen Interesse recherchieren.

netzpolitik.org: Also, die wichtigsten Dinge, die ihr benötigt, sind eine bessere Finanzierung, rechtlicher Schutz, außerdem Transparenz – noch etwas?

Marc Faddoul: Nun, eigentlich halte ich es für unseren Schutz für gut, dass wir keine Einzelheiten zu den Fällen kennen. Ich würde das nicht als Forderung formulieren.

Die Finanzierung, auf jeden Fall. Sie sollte flexibler und kurzfristiger sein und nicht nur über große Konsortien laufen.

Und was den rechtlichen Schutz angeht, ja, auf jeden Fall. Ein sicherer Hafen für Forschung im öffentlichen Interesse und auch institutionelle Unterstützung, wenn wir von ausländischen Akteuren angegriffen werden, weil wir uns an der Durchsetzung demokratischer Regulierung beteiligen.

AI Forensics vs. BigTech: „We can have retaliation against us“

netzpolitik·2026-05-22RegulierungGesellschaftForschung

The Grok deepfake scandal was uncovered with the help of the data-driven investigation conducted by AI Forensics. In an interview with netzpolitik.org, the NGO’s director Marc Faddoul talks about the risk of being targeted by Elon Musk, and what other issues they encounter in their work with regulators such as the European Commission.

Marc Faddoul and his team investigate different platforms. – Alle Rechte vorbehalten: Marc Faddoul: AI Forensics, X: unsplash / BoliviaInteligente When it comes to enforcing the EU’s digital regulation against social media platforms like X and TikTok, the Commission and national authorities are not alone in collecting the necessary evidence. In many cases, they rely on the work that is done by outside actors, such as AI Forensics.

The non-profit organisation analyses and investigates the algorithms that shape the information landscape. Based in Paris, they consider themselves an European organisation, with people working from all across the continent.

In an interview with netzpolitik.org, Marc Faddoul, the founder and director of AI Forensics, reflects on the organisation’s experience of working with regulators and points out how the conditions could be improved: by providing flexible funding and legal protection.

Contribution behind the scenes

netzpolitik.org: We often ask whether the European Commission or the national authorities have enough staff to enforce the Digital Services Act (DSA), but no one ever really mentions contributors like you. I suppose it’s partly because you’re not allowed to talk about all your contributions…

Marc Faddoul: In a way I’m sometimes shocked myself. About the role we are given to play in those big scale politics, about how much falls onto civil society.

I am not even sure it is really a matter of number of people; it’s more about the specific expertise that is needed to do this job. That is not necessarily the profile that is drawn towards the institutions.

And also the methods: We often have to deploy unconventional and adversarial methods to do the work that we do, that is not what the institutions are best at doing.

netzpolitik.org: So, let’s start at the beginning. What is it that you do?

Marc Faddoul: We’ve done a lot of work on social media recommender systems, because they were, and are still to a large extent, the most influential algorithmic system in shaping the information we consume. We are working increasingly on chatbots, since they are becoming the new gatekeepers of online content.

Our audience is the general public, usually through journalists. And we do a more targeted dissemination to regulators and policymakers to inform policymaking processes and especially to enforce existing regulation.

Our reports are always data driven. We collect data, including on systems for which there are no official data access mechanisms. We do so by using what we call “adversarial methods” which allow us to basically scrape publicly available content directly from those services and therefore analyse how they behave in different conditions and for different users.

netzpolitik.org: You mentioned the enforcement of laws. Besides the DSA, are there any other laws that are also quite important, or is that really the most important one right now?

Marc Faddoul: It’s definitely the most important one.

Firstly, because it is at the European level. When you’re facing those huge tech giants, you need a strong enough market power to be able to impose your rules.

Secondly, it encapsulates a lot of things through this notion of systemic risks: electoral integrity, a risk to mental health, technology-facilitated gender-based violence. There’s a whole range of risks that are captured in this article, which makes it one of the more flexible legal frameworks to date.

But it’s not only the DSA we work on. Recently we have done this study exposing the dissemination of non-consensual intimate images and the production of CSAM content by Grok. For both of these there are a lot of other legal frameworks for which this is relevant, both in Europe and worldwide. On those cases we are also working with other regulators, including Australia, the UK and California.

netzpolitik.org: And how exactly do you work with regulators? Do you bring something to their attention, or do you get tasks from them?

Marc Faddoul: In many cases we do our own investigations and then we bring them to the attention of the regulators. So that’s really our own initiative.

In other cases, regulators can come to us with specific requests. That can be paid or contracted, but not always.

Sometimes the work is unpaid

netzpolitik.org: And when it’s not paid, why do you still do it?

Marc Faddoul: When it’s unpaid, we still do it because it’s aligned with the mission of our organization to hold platforms to account to the user and to the law.

But obviously there are limits to how much we can do under these modalities, so it cannot be systematic. There is clearly a lack of funding mechanisms available from institutions to support the ecosystem. In some respects, there are new mechanisms arising, but it’s still quite limited.

netzpolitik.org: Who decides about the funding and how should it be improved in your opinion?

Marc Faddoul: At the European level now is an important moment because of the ongoing negotiations around the EU’s multi-annual budget. I think this is a big opportunity to push for more flexible funding.

One of the big pain points right now is that a lot of the funding is available through Horizon calls, which are typically three-year projects that have to be done in a large consortium of ten organizations or more.

It is quite inflexible because you cannot anticipate three years in advance what will be most relevant to do.

For example, the age verification mechanism has become a big priority. That was not the case two years ago. It is a change in the political agenda that gives it a stronger priority.

netzpolitik.org: Ok, let’s go over how the political agenda affects your work. In Brussels, it is said that people in the top political sphere are the ones taking some important decisions around the DSA cases, and that it’s not a purely technical enforcement.

Marc Faddoul: The fact that this is being constantly weighed on a geopolitical scale, is both frustrating for people who are involved in building this case, but also, most importantly, incoherent with the statements by those political leaders who say that respecting European laws is not something that is negotiable and that they will be enforced strictly.

Also, it is sending a wrong signal to those platforms and to adverse politicians that indeed they can put pressure to block those decisions.

And then you have a second component which is: What are you enforcing? What are the priorities?

There’s a lot of room for interpretation because the DSA is big. It’s being rolled out and not everything is being implemented with the same speed and with the same priority.

Political climate influences enforcement

netzpolitik.org: What is being prioritised?

Marc Faddoul: Some topics that have consensus across the political spectrum and also transatlantic consensus include the dissemination of non-consensual intimate images. Even Melania Trump, for example, was quite involved in advocating for this specific issue. Other examples of topics with broad consensus include CSAM content and age verification. Still, those political dynamics define where we are putting the pressure on.

On the other hand, climate change disinformation is now being pushed towards the bottom of the list.

netzpolitik.org: How would you rate the transparency of how the DSA is being enforced?

Marc Faddoul: I can tell you one thing: in the cases we’re involved in, where we provided evidence, we have no idea about their content or when they’re going to come out. We only know it’s been received.

And even then, we can be exposed by the results of those investigations.

This happened with the X investigation. The fine was sent out, then the Department of Justice in the U.S. leaked the whole investigative file with our names in it, unredacted.

So, this is a real consequence for us. We can have retaliation against us, especially when Elon Musk tweets very aggressively against the fine, how it’s censoring US free speech, which is obviously complete nonsense.

But, still, in reality, we can be harassed and attacked in response, but we had no control over the fact that our name was captured in those files, over the fact that it was released, and over the fact that we are not even really informed about the timetable.

This is not directly the Commission’s fault. They had to give the file to Twitter. Then the Department of Justice requested the file from Twitter. And then they leaked it.

We are a pivotal actor in building this case, but we have no control, and even no information on what happens next.

netzpolitik.org: You can not only be harassed via tweets or comments, but there could also be legal consequences, right? Do you have any sort of protection for that or does that all lie on you?

Marc Faddoul: All on us. The Commission doesn’t help us with that in any way.

Here, we have a clear policy request: the creation of a much better safe harbour for people who do public interest research, like we do.

netzpolitik.org: So, the main things that you would need are better funding, legal protection, also transparency, something else?

Marc Faddoul: Well, in fact, I think for our protection it is good that we don’t have the details of the cases. I wouldn’t make it a request.

The funding, absolutely. It should be more flexible, shorter term, not only through large consortiums.

And on the protection, yes, absolutely. A safe harbour for public interest research and also institutional support when we get attacked by foreign actors for the work that we do in supporting enforcement of democratic regulation.

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The Grok deepfake scandal was uncovered with the help of the data-driven investigation conducted by AI Forensics. In an interview with netzpolitik.org, the NGO’s director Marc Faddoul talks about the risk of being targeted by Elon Musk, and what other issues they encounter in their work with regulators such as the European Commission.

Marc Faddoul and his team investigate different platforms. – Alle Rechte vorbehalten: Marc Faddoul: AI Forensics, X: unsplash / BoliviaInteligente When it comes to enforcing the EU’s digital regulation against social media platforms like X and TikTok, the Commission and national authorities are not alone in collecting the necessary evidence. In many cases, they rely on the work that is done by outside actors, such as AI Forensics.

The non-profit organisation analyses and investigates the algorithms that shape the information landscape. Based in Paris, they consider themselves an European organisation, with people working from all across the continent.

In an interview with netzpolitik.org, Marc Faddoul, the founder and director of AI Forensics, reflects on the organisation’s experience of working with regulators and points out how the conditions could be improved: by providing flexible funding and legal protection.

Contribution behind the scenes

netzpolitik.org: We often ask whether the European Commission or the national authorities have enough staff to enforce the Digital Services Act (DSA), but no one ever really mentions contributors like you. I suppose it’s partly because you’re not allowed to talk about all your contributions…

Marc Faddoul: In a way I’m sometimes shocked myself. About the role we are given to play in those big scale politics, about how much falls onto civil society.

I am not even sure it is really a matter of number of people; it’s more about the specific expertise that is needed to do this job. That is not necessarily the profile that is drawn towards the institutions.

And also the methods: We often have to deploy unconventional and adversarial methods to do the work that we do, that is not what the institutions are best at doing.

netzpolitik.org: So, let’s start at the beginning. What is it that you do?

Marc Faddoul: We’ve done a lot of work on social media recommender systems, because they were, and are still to a large extent, the most influential algorithmic system in shaping the information we consume. We are working increasingly on chatbots, since they are becoming the new gatekeepers of online content.

Our audience is the general public, usually through journalists. And we do a more targeted dissemination to regulators and policymakers to inform policymaking processes and especially to enforce existing regulation.

Our reports are always data driven. We collect data, including on systems for which there are no official data access mechanisms. We do so by using what we call “adversarial methods” which allow us to basically scrape publicly available content directly from those services and therefore analyse how they behave in different conditions and for different users.

netzpolitik.org: You mentioned the enforcement of laws. Besides the DSA, are there any other laws that are also quite important, or is that really the most important one right now?

Marc Faddoul: It’s definitely the most important one.

Firstly, because it is at the European level. When you’re facing those huge tech giants, you need a strong enough market power to be able to impose your rules.

Secondly, it encapsulates a lot of things through this notion of systemic risks: electoral integrity, a risk to mental health, technology-facilitated gender-based violence. There’s a whole range of risks that are captured in this article, which makes it one of the more flexible legal frameworks to date.

But it’s not only the DSA we work on. Recently we have done this study exposing the dissemination of non-consensual intimate images and the production of CSAM content by Grok. For both of these there are a lot of other legal frameworks for which this is relevant, both in Europe and worldwide. On those cases we are also working with other regulators, including Australia, the UK and California.

netzpolitik.org: And how exactly do you work with regulators? Do you bring something to their attention, or do you get tasks from them?

Marc Faddoul: In many cases we do our own investigations and then we bring them to the attention of the regulators. So that’s really our own initiative.

In other cases, regulators can come to us with specific requests. That can be paid or contracted, but not always.

Sometimes the work is unpaid

netzpolitik.org: And when it’s not paid, why do you still do it?

Marc Faddoul: When it’s unpaid, we still do it because it’s aligned with the mission of our organization to hold platforms to account to the user and to the law.

But obviously there are limits to how much we can do under these modalities, so it cannot be systematic. There is clearly a lack of funding mechanisms available from institutions to support the ecosystem. In some respects, there are new mechanisms arising, but it’s still quite limited.

netzpolitik.org: Who decides about the funding and how should it be improved in your opinion?

Marc Faddoul: At the European level now is an important moment because of the ongoing negotiations around the EU’s multi-annual budget. I think this is a big opportunity to push for more flexible funding.

One of the big pain points right now is that a lot of the funding is available through Horizon calls, which are typically three-year projects that have to be done in a large consortium of ten organizations or more.

It is quite inflexible because you cannot anticipate three years in advance what will be most relevant to do.

For example, the age verification mechanism has become a big priority. That was not the case two years ago. It is a change in the political agenda that gives it a stronger priority.

netzpolitik.org: Ok, let’s go over how the political agenda affects your work. In Brussels, it is said that people in the top political sphere are the ones taking some important decisions around the DSA cases, and that it’s not a purely technical enforcement.

Marc Faddoul: The fact that this is being constantly weighed on a geopolitical scale, is both frustrating for people who are involved in building this case, but also, most importantly, incoherent with the statements by those political leaders who say that respecting European laws is not something that is negotiable and that they will be enforced strictly.

Also, it is sending a wrong signal to those platforms and to adverse politicians that indeed they can put pressure to block those decisions.

And then you have a second component which is: What are you enforcing? What are the priorities?

There’s a lot of room for interpretation because the DSA is big. It’s being rolled out and not everything is being implemented with the same speed and with the same priority.

Political climate influences enforcement

netzpolitik.org: What is being prioritised?

Marc Faddoul: Some topics that have consensus across the political spectrum and also transatlantic consensus include the dissemination of non-consensual intimate images. Even Melania Trump, for example, was quite involved in advocating for this specific issue. Other examples of topics with broad consensus include CSAM content and age verification. Still, those political dynamics define where we are putting the pressure on.

On the other hand, climate change disinformation is now being pushed towards the bottom of the list.

netzpolitik.org: How would you rate the transparency of how the DSA is being enforced?

Marc Faddoul: I can tell you one thing: in the cases we’re involved in, where we provided evidence, we have no idea about their content or when they’re going to come out. We only know it’s been received.

And even then, we can be exposed by the results of those investigations.

This happened with the X investigation. The fine was sent out, then the Department of Justice in the U.S. leaked the whole investigative file with our names in it, unredacted.

So, this is a real consequence for us. We can have retaliation against us, especially when Elon Musk tweets very aggressively against the fine, how it’s censoring US free speech, which is obviously complete nonsense.

But, still, in reality, we can be harassed and attacked in response, but we had no control over the fact that our name was captured in those files, over the fact that it was released, and over the fact that we are not even really informed about the timetable.

This is not directly the Commission’s fault. They had to give the file to Twitter. Then the Department of Justice requested the file from Twitter. And then they leaked it.

We are a pivotal actor in building this case, but we have no control, and even no information on what happens next.

netzpolitik.org: You can not only be harassed via tweets or comments, but there could also be legal consequences, right? Do you have any sort of protection for that or does that all lie on you?

Marc Faddoul: All on us. The Commission doesn’t help us with that in any way.

Here, we have a clear policy request: the creation of a much better safe harbour for people who do public interest research, like we do.

netzpolitik.org: So, the main things that you would need are better funding, legal protection, also transparency, something else?

Marc Faddoul: Well, in fact, I think for our protection it is good that we don’t have the details of the cases. I wouldn’t make it a request.

The funding, absolutely. It should be more flexible, shorter term, not only through large consortiums.

And on the protection, yes, absolutely. A safe harbour for public interest research and also institutional support when we get attacked by foreign actors for the work that we do in supporting enforcement of democratic regulation.

Nach Schuss in den Kopf: Wie argentinische Aktivist*innen einen Polizisten vor Gericht brachten

netzpolitik·2026-05-21GesellschaftAnwendungenForschung

Vor guten einem Jahr bohrte sich eine Tränengaspatrone in den Schädel des Fotografen Pablo Grillo. Der Polizist, der die Waffe abgefeuert hat, steht heute vor Gericht. Möglich war das nur, weil sich Freiwillige tagelang durch Videos gewühlt haben.

Fabian Grillo, der Vater von Pablo Grillo, auf einer Demonstration in Buenos Aires im März 2025. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / NurPhoto

In Argentinien ist Pablo Grillos Überlebenskampf zu einem landesweiten Symbol für Pressefreiheit geworden. Am 12. März 2025 schoss ihm ein Polizist während einer Demonstration mit einer Tränengaspatrone in den Kopf. Grillo rang tagelang um sein Leben.

Der Polizist, der den 36-jährigen Fotografen fast tötete, steht nun vor Gericht. Das ist allerdings nicht den Sicherheitsbehörden oder der Regierung zu verdanken. Zur Anklage kam es nur, weil das Kollektiv „ Mapa de la Policia “ Aufnahmen der Demonstration mit Mitteln der digitalen Forensik auswertete, den Täter eindeutig identifizierte und ihm strafrechtlich relevantes Fehlverhalten nachwies.

Polizeigewalt sichtbar machen

Polizeigewalt gehört in Argentinien zum Alltag. Egal, ob es sich um Proteste gegen die Arbeitsreform, die Verwässerung des Gletscherschutzgesetzes, Kürzungen der Sozialhilfe für Menschen mit Behinderungen oder die wöchentlichen Demonstrationen der Rentner*innen handelt – stets setzen Polizeieinheiten dabei gewaltsam ein Gesetz durch, das den Straßenprotest seit dem Amtsantritt von Präsident Javier Milei empfindlich einschränkt.

Die Polizeigewalt gab es jedoch schon vor Milei. Im Jahr 2022 hat das Kollektiv „Mapa de la Policia“ damit begonnen, diese Gewalt in Buenos Aires zu dokumentieren. Das Kollektiv besteht aus Einzelpersonen und in Argentinien renommierten zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Bürgerrechts-NGO „ Centro de Estudios Legales y Sociales “ (CELS) und „ La Coordinadora Contra la Represión Policial e Institucional “ (CORREPI); außerdem sind die regierungskritischen Publikationen „ Grito del Sur “ und „ crisis “ dabei.

Alex ist einer der Aktivist*innen des Kollektivs. Er erklärt, dass die Regierung das Ausmaß der Polizeigewalt vertuschen will. Die Karte diene dazu, die tagtägliche polizeiliche Gewalt gegen Straßenhändler*innen, Sexarbeiter*innen, Menschen mit Migrationsgeschichte und Obdachlose sichtbar zu machen.

Auf der Webseite des Kollektivs können Betroffene oder Zeug*innen über ein Formular Fälle melden und einer Kategorie zuweisen. Dazu zählen allgemeine unverhältnismäßige Gewaltanwendung oder der leichtfertige Schusswaffeneinsatz mit und ohne Todesfolge. Fälle, die strafrechtlich relevant sein können, verfolgt das Kollektiv mit forensischen Analysen und Rechtsbeistand. Außerdem sind Dienststellen gewalttätiger Polizisten ausgewiesen, um mögliche Versetzungen nachzuverfolgen, erklärt Alex.

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Screenshot Mapa de la Policia, https://mapadelapolicia.com

Der Fall Pablo Grillo liest sich wie ein Krimi

Bereits seit längerem demonstrieren Renter*innen jeden Mittwoch in Buenos Aires für bessere Lebensbedingungen und bezahlbare Medikamente. Am 12. März 2025 ist jedoch eines anders als sonst: Zum ersten Mal beteiligen sich Fans der lokalen Fußball-Klubs an ihrem Protest, um ihm zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Die damalige Sicherheitsministerin Patricia Bullrich hatte im Vorfeld gedroht, dass die Polizei streng durchgreifen werde, sollten die Demonstrierenden das Recht verletzen. Mitglieder des Kollektivs „Mapa de la Policia“ und der Fotograf Pablo Grillo sind vor Ort, um zu beobachten und zu berichten. Als sich auf der Demonstration herumspricht, dass Grillo schwer verletzt ist, reagiert das Kollektiv sofort. Die Chronik der Aufklärung liest sich wie ein Krimi.

Umgehend beginnt das Kollektiv Foto- und Videobeweise zu sammeln, was sich alsbald als hilfreich erweisen wird. Denn Ministerin Bullrich wird später behaupten, die Polizeibeamten träfe keine Schuld. Die Patrone müsse an einer Barrikade abgeprallt sein, die die Demonstrierenden selbst errichtet hatten. Doch schon wenig später kann das „Mapa“-Kollektiv erste Ergebnisse ihrer Analysen liefern: Sie nennen Uhrzeit, Art des Projektils sowie den Ort der Schussabgabe. Und sie können nachweisen, dass die Polizei an dem Tag wiederholt direkt auf Demonstrierende geschossen hat.

Pablo Grillo und sein Vater Fabián Grillo im April 2026 vor Pablos Reha-Klinik in Buenos Aires.

Wer hat sie verraten? Metadaten!

Innerhalb von Stunden wächst der Fall Grillo zu einem nationalen Skandal heran. Immer mehr Menschen schicken ihre Aufnahmen an das Kollektiv. Vier Tage lang werten die rund zehn Analyst*innen rund um die Uhr Unmengen an Material aus, darunter Fotos und Videos aus Smartphones, dem Fernsehen, von zivilgesellschaftlichen Drohnen und von Pressevertreter*innen. Standortdaten von Smartphones der Zeug*innen fließen ebenso in die Analysen ein wie Geräusche und sogar die Grüntöne der Uniformen der verschiedenen Polizeieinheiten der Hauptstadt. Sogenannte „Künstliche Intelligenz“ kann bei dieser hochsensiblen Feinarbeit nicht helfen, sagt Alex. Das sei Handarbeit.

Auch die letzten Aufnahmen aus der Kamera von Pablo Grillo sind unter dem gesammeltem Material. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, ob der Fotograf überleben wird.

Nach vier Tagen präsentiert das Kollektiv das Gesamtbild. Die identifizierte Gaspatrone darf laut gesetzlichen Vorgaben aufgrund ihres Tötungsrisikos niemals direkt auf Körper gerichtet werden. Das Kollektiv kann jedoch beweisen, dass die Nationalgendarmerie (GNA) mehrfach direkt auf Demonstrierende gefeuert hat. Auch den Täter, der auf Grillo schoss, können sie eindeutig identifizieren: Héctor Guerrero. Und damit waren auch die Befehlsführer der Polizei-Operation bekannt, die die Verantwortung für den Polizeieinsatz tragen – und die Operation nach den ersten Schüssen auf die Demonstrierenden nicht stoppten.

Die Beweislage ist eindeutig, der Täter wird angeklagt

Die Beweise der „Mapa de la Policia“ waren bestechend eindeutig, sodass die Familie von Pablo Grillo mit Unterstützung von CELS und der Argentinischen Liga für Menschenrechte Klage gegen Guerrero wegen schwerer Körperverletzung unter Amts- und Waffenmissbrauch erheben konnte.

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Das Kollektiv musste erst lernen, wie es die Beweise gerichtsfest macht. Beraten wurden sie von dem Forensiker Guillermo „Willy“ Pregliasco, der auch an der Auswertung der Bildmaterialien beteiligt war. Pregliasco ist Gerichtsmediziner beim renommierten argentinischen Forschungsinsitut „ Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas “ (CONICET). Eine seiner Methoden diente als Inspiration für die US-amerikanische Serie „CSI Miami“. Außerdem unterstützte sie die Heinrich-Böll-Stiftung in Buenos Aires .

Das ganze Land nahm monatelang Anteil an der gesundheitlichen Rehabilitation von Pablo Grillo, der mehrfach operiert wurde. Erst nach mehr als einem Jahr, im April 2026, kehrte er nach Hause zurück . Grillo hat durch den Schuss Gehirnmasse verloren, bleibende Folgeschäden können derzeit nicht ausgeschlossen werden.

Die „Mapa de la Policia“ wird verfilmt

Das Verfahren gegen den Polizisten Guerrero läuft derzeit noch. Bei Instagram und TikTok kommuniziert das Kollektiv mittlerweile schwerpunktmäßig seine Leitfäden zum Schutz vor Polizeigewalt und stellt Angebote für psychologische und juristische Begleitung vor. Alex sagt, dass Aktivist*innen nicht zum „ Chilling-Effekt “ beitragen wollen. Die Menschen hätten ohnehin schon Angst, an Demonstrationen teilzunehmen.

Dank der Beteiligung von NGOs und Presseorganen verspüren die Einzelpersonen im Kollektiv jedoch keine Angst. Die einzige Sorge, die Alex derzeit umtreibt, ist die Finanzierung seines Films: Er produziert eine Dokumentation über die „Mapa de la Policia“, eine Co-Produktion mit dem argentinischen Verband der Dokumentarfilmer*innen „ Documentalistas de Argentina “ (DOCA). Die Produktion wird zumindest teilweise gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Buenos Aires und der Omega Research Foundation . Im Juni 2026 werden Mitglieder des Kollektivs in Berlin sein.

Nina Galla ist Pressesprecherin für AlgorithmWatch in Berlin. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen von KI in der Schule und schreibt seit 2025 über die digital-politische Entwicklung in Argentinien.

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Vor guten einem Jahr bohrte sich eine Tränengaspatrone in den Schädel des Fotografen Pablo Grillo. Der Polizist, der die Waffe abgefeuert hat, steht heute vor Gericht. Möglich war das nur, weil sich Freiwillige tagelang durch Videos gewühlt haben.

Fabian Grillo, der Vater von Pablo Grillo, auf einer Demonstration in Buenos Aires im März 2025. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / NurPhoto

In Argentinien ist Pablo Grillos Überlebenskampf zu einem landesweiten Symbol für Pressefreiheit geworden. Am 12. März 2025 schoss ihm ein Polizist während einer Demonstration mit einer Tränengaspatrone in den Kopf. Grillo rang tagelang um sein Leben.

Der Polizist, der den 36-jährigen Fotografen fast tötete, steht nun vor Gericht. Das ist allerdings nicht den Sicherheitsbehörden oder der Regierung zu verdanken. Zur Anklage kam es nur, weil das Kollektiv „ Mapa de la Policia “ Aufnahmen der Demonstration mit Mitteln der digitalen Forensik auswertete, den Täter eindeutig identifizierte und ihm strafrechtlich relevantes Fehlverhalten nachwies.

Polizeigewalt sichtbar machen

Polizeigewalt gehört in Argentinien zum Alltag. Egal, ob es sich um Proteste gegen die Arbeitsreform, die Verwässerung des Gletscherschutzgesetzes, Kürzungen der Sozialhilfe für Menschen mit Behinderungen oder die wöchentlichen Demonstrationen der Rentner*innen handelt – stets setzen Polizeieinheiten dabei gewaltsam ein Gesetz durch, das den Straßenprotest seit dem Amtsantritt von Präsident Javier Milei empfindlich einschränkt.

Die Polizeigewalt gab es jedoch schon vor Milei. Im Jahr 2022 hat das Kollektiv „Mapa de la Policia“ damit begonnen, diese Gewalt in Buenos Aires zu dokumentieren. Das Kollektiv besteht aus Einzelpersonen und in Argentinien renommierten zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Bürgerrechts-NGO „ Centro de Estudios Legales y Sociales “ (CELS) und „ La Coordinadora Contra la Represión Policial e Institucional “ (CORREPI); außerdem sind die regierungskritischen Publikationen „ Grito del Sur “ und „ crisis “ dabei.

Alex ist einer der Aktivist*innen des Kollektivs. Er erklärt, dass die Regierung das Ausmaß der Polizeigewalt vertuschen will. Die Karte diene dazu, die tagtägliche polizeiliche Gewalt gegen Straßenhändler*innen, Sexarbeiter*innen, Menschen mit Migrationsgeschichte und Obdachlose sichtbar zu machen.

Auf der Webseite des Kollektivs können Betroffene oder Zeug*innen über ein Formular Fälle melden und einer Kategorie zuweisen. Dazu zählen allgemeine unverhältnismäßige Gewaltanwendung oder der leichtfertige Schusswaffeneinsatz mit und ohne Todesfolge. Fälle, die strafrechtlich relevant sein können, verfolgt das Kollektiv mit forensischen Analysen und Rechtsbeistand. Außerdem sind Dienststellen gewalttätiger Polizisten ausgewiesen, um mögliche Versetzungen nachzuverfolgen, erklärt Alex.

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Der Fall Pablo Grillo liest sich wie ein Krimi

Bereits seit längerem demonstrieren Renter*innen jeden Mittwoch in Buenos Aires für bessere Lebensbedingungen und bezahlbare Medikamente. Am 12. März 2025 ist jedoch eines anders als sonst: Zum ersten Mal beteiligen sich Fans der lokalen Fußball-Klubs an ihrem Protest, um ihm zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Die damalige Sicherheitsministerin Patricia Bullrich hatte im Vorfeld gedroht, dass die Polizei streng durchgreifen werde, sollten die Demonstrierenden das Recht verletzen. Mitglieder des Kollektivs „Mapa de la Policia“ und der Fotograf Pablo Grillo sind vor Ort, um zu beobachten und zu berichten. Als sich auf der Demonstration herumspricht, dass Grillo schwer verletzt ist, reagiert das Kollektiv sofort. Die Chronik der Aufklärung liest sich wie ein Krimi.

Umgehend beginnt das Kollektiv Foto- und Videobeweise zu sammeln, was sich alsbald als hilfreich erweisen wird. Denn Ministerin Bullrich wird später behaupten, die Polizeibeamten träfe keine Schuld. Die Patrone müsse an einer Barrikade abgeprallt sein, die die Demonstrierenden selbst errichtet hatten. Doch schon wenig später kann das „Mapa“-Kollektiv erste Ergebnisse ihrer Analysen liefern: Sie nennen Uhrzeit, Art des Projektils sowie den Ort der Schussabgabe. Und sie können nachweisen, dass die Polizei an dem Tag wiederholt direkt auf Demonstrierende geschossen hat.

Pablo Grillo und sein Vater Fabián Grillo im April 2026 vor Pablos Reha-Klinik in Buenos Aires.

Wer hat sie verraten? Metadaten!

Innerhalb von Stunden wächst der Fall Grillo zu einem nationalen Skandal heran. Immer mehr Menschen schicken ihre Aufnahmen an das Kollektiv. Vier Tage lang werten die rund zehn Analyst*innen rund um die Uhr Unmengen an Material aus, darunter Fotos und Videos aus Smartphones, dem Fernsehen, von zivilgesellschaftlichen Drohnen und von Pressevertreter*innen. Standortdaten von Smartphones der Zeug*innen fließen ebenso in die Analysen ein wie Geräusche und sogar die Grüntöne der Uniformen der verschiedenen Polizeieinheiten der Hauptstadt. Sogenannte „Künstliche Intelligenz“ kann bei dieser hochsensiblen Feinarbeit nicht helfen, sagt Alex. Das sei Handarbeit.

Auch die letzten Aufnahmen aus der Kamera von Pablo Grillo sind unter dem gesammeltem Material. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, ob der Fotograf überleben wird.

Nach vier Tagen präsentiert das Kollektiv das Gesamtbild. Die identifizierte Gaspatrone darf laut gesetzlichen Vorgaben aufgrund ihres Tötungsrisikos niemals direkt auf Körper gerichtet werden. Das Kollektiv kann jedoch beweisen, dass die Nationalgendarmerie (GNA) mehrfach direkt auf Demonstrierende gefeuert hat. Auch den Täter, der auf Grillo schoss, können sie eindeutig identifizieren: Héctor Guerrero. Und damit waren auch die Befehlsführer der Polizei-Operation bekannt, die die Verantwortung für den Polizeieinsatz tragen – und die Operation nach den ersten Schüssen auf die Demonstrierenden nicht stoppten.

Die Beweislage ist eindeutig, der Täter wird angeklagt

Die Beweise der „Mapa de la Policia“ waren bestechend eindeutig, sodass die Familie von Pablo Grillo mit Unterstützung von CELS und der Argentinischen Liga für Menschenrechte Klage gegen Guerrero wegen schwerer Körperverletzung unter Amts- und Waffenmissbrauch erheben konnte.

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Das Kollektiv musste erst lernen, wie es die Beweise gerichtsfest macht. Beraten wurden sie von dem Forensiker Guillermo „Willy“ Pregliasco, der auch an der Auswertung der Bildmaterialien beteiligt war. Pregliasco ist Gerichtsmediziner beim renommierten argentinischen Forschungsinsitut „ Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas “ (CONICET). Eine seiner Methoden diente als Inspiration für die US-amerikanische Serie „CSI Miami“. Außerdem unterstützte sie die Heinrich-Böll-Stiftung in Buenos Aires .

Das ganze Land nahm monatelang Anteil an der gesundheitlichen Rehabilitation von Pablo Grillo, der mehrfach operiert wurde. Erst nach mehr als einem Jahr, im April 2026, kehrte er nach Hause zurück . Grillo hat durch den Schuss Gehirnmasse verloren, bleibende Folgeschäden können derzeit nicht ausgeschlossen werden.

Die „Mapa de la Policia“ wird verfilmt

Das Verfahren gegen den Polizisten Guerrero läuft derzeit noch. Bei Instagram und TikTok kommuniziert das Kollektiv mittlerweile schwerpunktmäßig seine Leitfäden zum Schutz vor Polizeigewalt und stellt Angebote für psychologische und juristische Begleitung vor. Alex sagt, dass Aktivist*innen nicht zum „ Chilling-Effekt “ beitragen wollen. Die Menschen hätten ohnehin schon Angst, an Demonstrationen teilzunehmen.

Dank der Beteiligung von NGOs und Presseorganen verspüren die Einzelpersonen im Kollektiv jedoch keine Angst. Die einzige Sorge, die Alex derzeit umtreibt, ist die Finanzierung seines Films: Er produziert eine Dokumentation über die „Mapa de la Policia“, eine Co-Produktion mit dem argentinischen Verband der Dokumentarfilmer*innen „ Documentalistas de Argentina “ (DOCA). Die Produktion wird zumindest teilweise gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Buenos Aires und der Omega Research Foundation . Im Juni 2026 werden Mitglieder des Kollektivs in Berlin sein.

Nina Galla ist Pressesprecherin für AlgorithmWatch in Berlin. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen von KI in der Schule und schreibt seit 2025 über die digital-politische Entwicklung in Argentinien.

"Wettlauf nach unten": Karen Hao kritisiert europäischen KI-Kurs

netzpolitik·2026-05-19RegulierungGesellschaftWirtschaft

Auf der re:publica kritisiert die Autorin Karen Hao die Macht und Rücksichtslosigkeit großer KI-Konzerne. Ihre dringende Warnung an die EU: Hört auf, den Ansatz der USA zu kopieren, und macht euch unabhängig von den Imperien des digitalen Zeitalters.

Karen Hao auf der re:publica 2026. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / Mauersberger Die Journalistin Karen Hao ist mit ihrem 2025 erschienenen Buch „Empire of AI“ zu einer der prominentesten Kritiker:innen großer Tech-Konzerne und ihrer KI-Imperien geworden. Bei ihrer Eröffnungsrede auf der re:publica in Berlin nahm Hao am Montag aber nicht nur Unternehmen wie OpenAI, Google oder Microsoft ins Visier, sondern wusch auch der europäischen Politik den Kopf.

Haos wichtigste Botschaft: Die EU müsse aufhören, in der KI-Politik den USA hinterherzulaufen. Dort hätten das Silicon Valley und das Weiße Haus das mächtigste Bündnis seit dem britischen Empire und der East India Company gebildet. Wenn Europa versuche, deren Modell zu kopieren und dafür mühsam errungene Standards wie den Datenschutz aufzuweichen, zementiere man nur die Macht der neuen Imperien.

Wachstum um jeden Preis

Die Probleme mit der Lieferkette von KI, die Hao pointiert vorträgt, sind zumindest für netzpolitik.org-Leser:innen nicht neu: Rechenzentren und hochleistungsfähige Computerchips lassen den Strom‑, Wasser- und Ressourcenverbrauch massiv ansteigen . Gefüttert werden die großen Modelle mit Petabytes an Daten, die ohne Einverständnis der Urheber:innen oder Betroffenen abgegriffen wurden. Gesäubert, sortiert und gelabelt wird der Input von ausgebeuteten Datenarbeiter:innen .

Hao hat all diese Probleme aus der Nähe untersucht. Sie hat mit Datenarbeiter:innen in Kenia und den USA gesprochen, Proteste gegen Rechenzentren in Chile und Spanien dokumentiert sowie einmalige Einblicke hinter die Kulissen von Open AI erhalten. Als Ursache hinter den Problemen macht sie einen Ansatz großer Tech-Konzerne aus, den sie „Scale At All Costs“ nennt, also: Wachstum um jeden Preis.

Statt Probleme zu lösen, würden KI-Konzerne nur ein Rezept kennen: mehr von allem. Mehr Daten. Mehr Rechenkapazität. Mehr Nutzer:innen. Dafür würden sie alles in Kauf nehmen. Die von Big Tech verursachten CO2-Emmissionen seien seit 2020 um 150 Prozent gestiegen – also seit dem Jahr, in dem sie sich vorgenommen hatten, ihre Emissionen bis 2030 auf Null zu bringen.

Fahrräder statt Raketen

Statt diesen Ansatz zu kopieren, wie es derzeit geschehe, müsse Europa sich von den KI-Imperien lösen, sie zerschlagen und Alternativen aufbauen. Als solche nennt Hao kleinere, auf die Lösung bestimmter Probleme spezialisierte KI-Modelle, die im Gegensatz zu den großen General-Purpose-Modellen der Tech-Konzerne deutlich weniger Rechenkapazität benötigten.

Letztere vergleicht Hao mit Raketen. Sie seien zwar für einige wenige Zwecke gut geeignet, jedoch vollkommen überdimensioniert, um beispielsweise Verkehrsprobleme moderner Gesellschaften zu lösen. „Wenn jeder mit der Rakete von München nach Berlin reisen will, haben wir ein Problem“, so Hao. So wie Raketen ungeeignet seien, Transportprobleme zu lösen, sei General Purpose AI nicht die Lösung für die meisten digitalen Probleme.

„Baut lieber Fahrräder als Raketen“, lautet Haos Empfehlung. Als Beispiele für kleinere KI-Anwendungen nennt die Autorin das ursprünglich von Deep Mind entwickelte KI-Modell AlphaFold zur Analyse von Proteinstrukturen in der Molekularforschung. Für solche Modelle brauche man keine Supercomputer und keine Datenarbeit.

Gleiches gelte für spezialisierte KI-Tools zur Bekämpfung der Klimakrise, etwa bei der Vorhersage von Extremwetter, zur Optimierung von Lieferketten oder zur Erhöhung der Energieeffizienz von Gebäuden. Auch Open-Source-Modelle und die Eurostack-Initiative könnten kurz- und mittelfristig helfen, aus der Abhängigkeit von Big Tech zu kommen.

„Stop Scaling!“

„Wir liegen im Wettrennen um KI so weit zurück“, diesen Satz höre sie häufig von Europäer:innen, so die Journalistin. Die Frage sei jedoch: Wie definiert man dieses Rennen, in dem Europa sich angeblich befindet? „Geht es darum, immer nur noch größere Raketen zu bauen? Dann ist das ein Wettlauf nach unten.“

Karen Haos klare Botschaft an Europa: „Stop Scaling!“ Die EU allerdings scheine dem US-Modell folgen zu wollen, so Hao. Wenn die EU etwa im Rahmen des digitalen Omnibus-Gesetzespakets die Datenschutzregeln zurückstutzen wolle, um die Nutzung personenbezogener Daten für KI zu erleichtern. Oder wenn sie einen massiven Ausbau der Rechenzentrumsinfrastruktur plane.

Dieser Weg werde nur zur Vertiefung der Abhängigkeiten von den USA führen. Ganz direkt, indem dafür große Mengen KI-Chips der Firma Nvidia angeschafft werden müssten. Aber auch indirekt, weil auch die Rechenzentrums-Infrastruktur nicht ohne Big Tech auskomme. Auch die Investments in eine europäische KI-Alternative wie Mistral hätten nicht zu mehr Unabhängigkeit geführt, schließlich sei das französische Unternehmen eine Partnerschaft mit Microsoft eingegangen.

Stattdessen müsse Europa das Wissensmonopol der KI-Imperien aufbrechen. Zum einen, indem es massiv in unabhängige KI-Forschung investiere. Zum anderen, indem es die Branche zu mehr Transparenz zwinge. Nur durch Regulierung könnten die US-Konzerne dazu gebracht werden, offenzulegen, wie viel Strom, Wasser und andere Ressourcen ihre KI-Modelle und Rechenzentren verbrauchen. Dass Microsoft und Lobby-Gruppen EU-Richtlinien beeinflusst hätten , die Transparenz in diesem Bereich verhindern, sei ein fatales Zeichen.

Dabei sei eine Abkehr Europas von den KI-Imperien auch geopolitisch geboten, schließlich hänge die US-Ökonomie und damit auch die Macht des US-Präsidenten vom Erfolg der Konzerne ab. Ein Großteil des Börsenwachstums der US-Wirtschaft gehe auf das Konto weniger KI-Unternehmen. Wenn man sie rausrechne, habe Europas Wirtschaft in den vergangenen Jahren an der Börse sogar besser performt.

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Auf der re:publica kritisiert die Autorin Karen Hao die Macht und Rücksichtslosigkeit großer KI-Konzerne. Ihre dringende Warnung an die EU: Hört auf, den Ansatz der USA zu kopieren, und macht euch unabhängig von den Imperien des digitalen Zeitalters.

Karen Hao auf der re:publica 2026. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / Mauersberger Die Journalistin Karen Hao ist mit ihrem 2025 erschienenen Buch „Empire of AI“ zu einer der prominentesten Kritiker:innen großer Tech-Konzerne und ihrer KI-Imperien geworden. Bei ihrer Eröffnungsrede auf der re:publica in Berlin nahm Hao am Montag aber nicht nur Unternehmen wie OpenAI, Google oder Microsoft ins Visier, sondern wusch auch der europäischen Politik den Kopf.

Haos wichtigste Botschaft: Die EU müsse aufhören, in der KI-Politik den USA hinterherzulaufen. Dort hätten das Silicon Valley und das Weiße Haus das mächtigste Bündnis seit dem britischen Empire und der East India Company gebildet. Wenn Europa versuche, deren Modell zu kopieren und dafür mühsam errungene Standards wie den Datenschutz aufzuweichen, zementiere man nur die Macht der neuen Imperien.

Wachstum um jeden Preis

Die Probleme mit der Lieferkette von KI, die Hao pointiert vorträgt, sind zumindest für netzpolitik.org-Leser:innen nicht neu: Rechenzentren und hochleistungsfähige Computerchips lassen den Strom‑, Wasser- und Ressourcenverbrauch massiv ansteigen . Gefüttert werden die großen Modelle mit Petabytes an Daten, die ohne Einverständnis der Urheber:innen oder Betroffenen abgegriffen wurden. Gesäubert, sortiert und gelabelt wird der Input von ausgebeuteten Datenarbeiter:innen .

Hao hat all diese Probleme aus der Nähe untersucht. Sie hat mit Datenarbeiter:innen in Kenia und den USA gesprochen, Proteste gegen Rechenzentren in Chile und Spanien dokumentiert sowie einmalige Einblicke hinter die Kulissen von Open AI erhalten. Als Ursache hinter den Problemen macht sie einen Ansatz großer Tech-Konzerne aus, den sie „Scale At All Costs“ nennt, also: Wachstum um jeden Preis.

Statt Probleme zu lösen, würden KI-Konzerne nur ein Rezept kennen: mehr von allem. Mehr Daten. Mehr Rechenkapazität. Mehr Nutzer:innen. Dafür würden sie alles in Kauf nehmen. Die von Big Tech verursachten CO2-Emmissionen seien seit 2020 um 150 Prozent gestiegen – also seit dem Jahr, in dem sie sich vorgenommen hatten, ihre Emissionen bis 2030 auf Null zu bringen.

Fahrräder statt Raketen

Statt diesen Ansatz zu kopieren, wie es derzeit geschehe, müsse Europa sich von den KI-Imperien lösen, sie zerschlagen und Alternativen aufbauen. Als solche nennt Hao kleinere, auf die Lösung bestimmter Probleme spezialisierte KI-Modelle, die im Gegensatz zu den großen General-Purpose-Modellen der Tech-Konzerne deutlich weniger Rechenkapazität benötigten.

Letztere vergleicht Hao mit Raketen. Sie seien zwar für einige wenige Zwecke gut geeignet, jedoch vollkommen überdimensioniert, um beispielsweise Verkehrsprobleme moderner Gesellschaften zu lösen. „Wenn jeder mit der Rakete von München nach Berlin reisen will, haben wir ein Problem“, so Hao. So wie Raketen ungeeignet seien, Transportprobleme zu lösen, sei General Purpose AI nicht die Lösung für die meisten digitalen Probleme.

„Baut lieber Fahrräder als Raketen“, lautet Haos Empfehlung. Als Beispiele für kleinere KI-Anwendungen nennt die Autorin das ursprünglich von Deep Mind entwickelte KI-Modell AlphaFold zur Analyse von Proteinstrukturen in der Molekularforschung. Für solche Modelle brauche man keine Supercomputer und keine Datenarbeit.

Gleiches gelte für spezialisierte KI-Tools zur Bekämpfung der Klimakrise, etwa bei der Vorhersage von Extremwetter, zur Optimierung von Lieferketten oder zur Erhöhung der Energieeffizienz von Gebäuden. Auch Open-Source-Modelle und die Eurostack-Initiative könnten kurz- und mittelfristig helfen, aus der Abhängigkeit von Big Tech zu kommen.

„Stop Scaling!“

„Wir liegen im Wettrennen um KI so weit zurück“, diesen Satz höre sie häufig von Europäer:innen, so die Journalistin. Die Frage sei jedoch: Wie definiert man dieses Rennen, in dem Europa sich angeblich befindet? „Geht es darum, immer nur noch größere Raketen zu bauen? Dann ist das ein Wettlauf nach unten.“

Karen Haos klare Botschaft an Europa: „Stop Scaling!“ Die EU allerdings scheine dem US-Modell folgen zu wollen, so Hao. Wenn die EU etwa im Rahmen des digitalen Omnibus-Gesetzespakets die Datenschutzregeln zurückstutzen wolle, um die Nutzung personenbezogener Daten für KI zu erleichtern. Oder wenn sie einen massiven Ausbau der Rechenzentrumsinfrastruktur plane.

Dieser Weg werde nur zur Vertiefung der Abhängigkeiten von den USA führen. Ganz direkt, indem dafür große Mengen KI-Chips der Firma Nvidia angeschafft werden müssten. Aber auch indirekt, weil auch die Rechenzentrums-Infrastruktur nicht ohne Big Tech auskomme. Auch die Investments in eine europäische KI-Alternative wie Mistral hätten nicht zu mehr Unabhängigkeit geführt, schließlich sei das französische Unternehmen eine Partnerschaft mit Microsoft eingegangen.

Stattdessen müsse Europa das Wissensmonopol der KI-Imperien aufbrechen. Zum einen, indem es massiv in unabhängige KI-Forschung investiere. Zum anderen, indem es die Branche zu mehr Transparenz zwinge. Nur durch Regulierung könnten die US-Konzerne dazu gebracht werden, offenzulegen, wie viel Strom, Wasser und andere Ressourcen ihre KI-Modelle und Rechenzentren verbrauchen. Dass Microsoft und Lobby-Gruppen EU-Richtlinien beeinflusst hätten , die Transparenz in diesem Bereich verhindern, sei ein fatales Zeichen.

Dabei sei eine Abkehr Europas von den KI-Imperien auch geopolitisch geboten, schließlich hänge die US-Ökonomie und damit auch die Macht des US-Präsidenten vom Erfolg der Konzerne ab. Ein Großteil des Börsenwachstums der US-Wirtschaft gehe auf das Konto weniger KI-Unternehmen. Wenn man sie rausrechne, habe Europas Wirtschaft in den vergangenen Jahren an der Börse sogar besser performt.

KW 20: Die Woche, in der die Anonymität im Netz noch mehr ins Wanken geriet

netzpolitik·2026-05-16GesellschaftRegulierung

Die 20. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 10 neue Texte mit insgesamt 85.644 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

– : Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski Liebe Leser*innen,

soll Europa Jugendlichen den Zugang zu Social Media verbieten? Eigentlich berät darüber gerade ein Expert*innengremium, die EU-Kommission hat es einberufen. Doch Kommissionspräsidentin von der Leyen kann das Ergebnis scheinbar nicht abwarten. In einer Rede klang sie diese Woche bereits sehr festgelegt. „Es ist meine Überzeugung, dass wir einen zeitlichen Aufschub für soziale Medien in Betracht ziehen müssen“, sagte sie.

„Zeitlicher Aufschub“ ist ihr Euphemismus für „Verbot für Jugendliche“. Von der Leyen hat ihn aus der Kommunikationsstrategie zum Social-Media-Verbot der australischen Regierung übernommen. Auch ihre Aufforderung „Geben wir den Kindern die Kindheit zurück“, stammt von dort. Mein Kollege Sebastian hat ihre Rede analysiert und erklärt, warum ein Social-Media-Verbot Kinder nicht zwingend glücklicher macht. Es nimmt ihnen soziale Kontakte und eine Möglichkeit zum Erwerb digitaler Kompetenzen.

Sebastian hat auch aufgeschrieben, was von der Leyen in ihrer Rede noch alles ausgelassen hat. Zum Beispiel, dass die Alterskontroll-App, die sie kürzlich vorgestellt hat, die Menschen zur Nutzung von iOS oder Android zwingt. Menschen mit freien Betriebssystemen wären demnach ebenfalls von altersgeschützten Inhalten ausgesperrt.

Und dann könnte das Alterskontroll-System auch noch mindestens ein wichtiges Privatsphäre-Tool in Gefahr bringen.

Aktuell nutzen in Australien – wie auch in Großbritannien, wo ebenfalls ein Social-Media-Verbot für Jugendliche gilt – viele Heranwachsende Dienste für virtuelle private Netzwerke (VPN), um die Alterssperren zu umgehen. Damit wird ihr Datenverkehr über Länder ohne Alterskontrollen geleitet. Mit diesem Trick ließe sich auch ein europäischer Alterskontroll-App-Zwang umgehen.

Alterskontrollen können nicht effektiv durchgesetzt werden, so lange es unbeschränkte VPNs gibt. Das hat auch der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments erkannt und dazu festgestellt, dass man Jugendlichen ja auch den Zugang zu VPNs sperren könne. Der Schritt läge nahe, wäre aber hochproblematisch.

VPNs nutzen auch Volljährige, um sich beispielsweise mit ihrer Büro-IT zu verbinden, weil sie ihr Internet-Nutzungsverhalten nicht mit ihrem WLAN oder Internet-Zugangsanbieter teilen wollen, oder auch weil sie kritische Journalist*innen oder Aktivisti mit erhöhtem Datenschutzbedürfnis sind. Für all sie gälte dann, wie auch für die Social-Media-Nutzer*innen, eine Ausweispflicht. Denn um von der Leyens App nutzen zu können, müssen Menschen damit ihren Ausweis scannen – und ihr Gesicht.

Um Kinder vor nicht-altersgerechten Inhalten und suchterzeugenden Mechanismen zu schützen, bräuchte man allerdings gar nicht alle Nutzer*innen zu kontrollieren, sondern nur die Plattformen.

Winkt von Mastodon aus:

Martin

Degitalisierung: Fremde Autos

Lehrvideos über Gefahren im Straßenverkehr sind genauso notwendig wie der Versuch, immer sicherere Autos zu bauen. Digitale Risiken sind im Vergleich dazu noch mal besonders, denn sie haben eine weitere Risikokomponente. Verknüpft damit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Von Bianca Kastl –

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Von Chris Köver –

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VPNs sind ein Schlupfloch für Jugendliche, um Social-Media-Verbote zu umgehen. Das konstatiert eine Analyse des Wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments. Er stellt deshalb eine Personalausweispflicht für die VPN-Nutzung in den Raum. Dabei sind Werkzeuge zur Identitätsverschleierung wichtige Bestandteile einer Demokratie. Von Martin Schwarzbeck –

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soll Europa Jugendlichen den Zugang zu Social Media verbieten? Eigentlich berät darüber gerade ein Expert*innengremium, die EU-Kommission hat es einberufen. Doch Kommissionspräsidentin von der Leyen kann das Ergebnis scheinbar nicht abwarten. In einer Rede klang sie diese Woche bereits sehr festgelegt. „Es ist meine Überzeugung, dass wir einen zeitlichen Aufschub für soziale Medien in Betracht ziehen müssen“, sagte sie.

„Zeitlicher Aufschub“ ist ihr Euphemismus für „Verbot für Jugendliche“. Von der Leyen hat ihn aus der Kommunikationsstrategie zum Social-Media-Verbot der australischen Regierung übernommen. Auch ihre Aufforderung „Geben wir den Kindern die Kindheit zurück“, stammt von dort. Mein Kollege Sebastian hat ihre Rede analysiert und erklärt, warum ein Social-Media-Verbot Kinder nicht zwingend glücklicher macht. Es nimmt ihnen soziale Kontakte und eine Möglichkeit zum Erwerb digitaler Kompetenzen.

Sebastian hat auch aufgeschrieben, was von der Leyen in ihrer Rede noch alles ausgelassen hat. Zum Beispiel, dass die Alterskontroll-App, die sie kürzlich vorgestellt hat, die Menschen zur Nutzung von iOS oder Android zwingt. Menschen mit freien Betriebssystemen wären demnach ebenfalls von altersgeschützten Inhalten ausgesperrt.

Und dann könnte das Alterskontroll-System auch noch mindestens ein wichtiges Privatsphäre-Tool in Gefahr bringen.

Aktuell nutzen in Australien – wie auch in Großbritannien, wo ebenfalls ein Social-Media-Verbot für Jugendliche gilt – viele Heranwachsende Dienste für virtuelle private Netzwerke (VPN), um die Alterssperren zu umgehen. Damit wird ihr Datenverkehr über Länder ohne Alterskontrollen geleitet. Mit diesem Trick ließe sich auch ein europäischer Alterskontroll-App-Zwang umgehen.

Alterskontrollen können nicht effektiv durchgesetzt werden, so lange es unbeschränkte VPNs gibt. Das hat auch der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments erkannt und dazu festgestellt, dass man Jugendlichen ja auch den Zugang zu VPNs sperren könne. Der Schritt läge nahe, wäre aber hochproblematisch.

VPNs nutzen auch Volljährige, um sich beispielsweise mit ihrer Büro-IT zu verbinden, weil sie ihr Internet-Nutzungsverhalten nicht mit ihrem WLAN oder Internet-Zugangsanbieter teilen wollen, oder auch weil sie kritische Journalist*innen oder Aktivisti mit erhöhtem Datenschutzbedürfnis sind. Für all sie gälte dann, wie auch für die Social-Media-Nutzer*innen, eine Ausweispflicht. Denn um von der Leyens App nutzen zu können, müssen Menschen damit ihren Ausweis scannen – und ihr Gesicht.

Um Kinder vor nicht-altersgerechten Inhalten und suchterzeugenden Mechanismen zu schützen, bräuchte man allerdings gar nicht alle Nutzer*innen zu kontrollieren, sondern nur die Plattformen.

Winkt von Mastodon aus:

Martin

Degitalisierung: Fremde Autos

Lehrvideos über Gefahren im Straßenverkehr sind genauso notwendig wie der Versuch, immer sicherere Autos zu bauen. Digitale Risiken sind im Vergleich dazu noch mal besonders, denn sie haben eine weitere Risikokomponente. Verknüpft damit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Von Bianca Kastl –

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Aufnahmen von Pornodarsteller*innen liefern die Vorlage für sexualisierte Deepfakes. Aber die Öffentlichkeit sieht sie nicht als Opfer, kritisiert Ana Ornelas von der European Sex Workers’ Rights Alliance. Ein Interview über gestohlene Nacktaufnahmen, patriarchale Gewalt und Kontrollverlust.

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Statt Datenstrategie: Digitalministerium will KI-Agenten für die Verwaltung

Die Verwaltungsdigitalisierung ging in den vergangenen Jahren äußerst schleppend voran. Eine Ursache dafür: Die Verwaltung speichert ihr Wissen in Dokumenten ab statt als maschinenlesbare Daten. Statt das Problem anzugehen, macht sich das Digitalministerium für KI-Agenten stark. Die arbeiten jedoch intransparent und erzeugen übermäßig Fehler. Von Esther Menhard –

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Petition gegen Digitalzwang: 64.000 Menschen wollen das Grundgesetz ändern

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Digitalministerkonferenz: Wildberger will Datenschutz für KI-Einsatz in der Verwaltung schleifen

Der durchdigitalisierte Staat soll her und das möglichst schnell. Darin sind sich Bund und Länder nach der Digitalministerkonferenz einig. Um Tempo zu machen, wollen die zuständigen Minister:innen mehr sogenannte Künstliche Intelligenz und weniger Datenschutz. Von Esther Menhard –

Digitalministerkonferenz: Wildberger will Datenschutz für KI-Einsatz in der Verwaltung schleifen

netzpolitik·2026-05-15RegulierungGesellschaftAnwendungen

Der durchdigitalisierte Staat soll her und das möglichst schnell. Darin sind sich Bund und Länder nach der Digitalministerkonferenz einig. Um Tempo zu machen, wollen die zuständigen Minister:innen mehr sogenannte Künstliche Intelligenz und weniger Datenschutz.

Karsten Wildberger (CDU), Kristina Sinemus (CDU) und Jan Pörksen (SPD) bei der fünften Digitalministerkonferenz im Hamburger Rathaus. – Alle Rechte vorbehalten: G. Schwering / Senatskanzlei Bürokratieabbau, Registermodernisierung, DeutschlandID: Auf diese Themen blickt Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) schon seit längerem mit der KI-Brille. Spätestens seit Mittwoch weiß er die Länder dabei hinter sich. Auf der Pressekonferenz zur Digitalministerkonferenz (DMK) demonstrierten Wildberger, die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) und der Chef der Senatskanzlei Hamburg Jan Pörksen (SPD) Einigkeit bei diesem Thema. Alle drei betonten, dass man beim KI-Einsatz in der öffentlichen Verwaltung an einem Strang ziehe .

Seit 2024 treffen sich die Minister:innen, Senatoren und Staatssekretär:innen der Länder regelmäßig, um über digitalpolitische Entscheidungen zu diskutieren. Die fünfte DMK fand in Hamburg statt und knüpfte inhaltlich an die Föderale Modernisierungsagenda an. Die hatten Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die Regierungschef:innen der Länder im Dezember beschlossen. Die 200 Maßnahmen der Föderalen Modernisierungsagenda zielen vor allem darauf ab, Bürokratie abzubauen. Bund und Länder wollen etwa bis Ende 2026 Berichtspflichten für die öffentliche Verwaltung prüfen, um mindestens die Hälfte von ihnen zu streichen.

Ein weiteres Ziel ist ein durchgehend digitalisierter Staat. Zwar lehnte die DMK einen Antrag Schleswig-Holsteins zu „digital only“ ab. Demnach sollen Verwaltungsbehörden nur noch rein digitale Prozesse anbieten und auf papiergebundene Arbeit verzichten. Doch die Uneinigkeit sei nicht inhaltlich begründet, so Sinemus und Wildberger, sondern darin, bis wann dieses Ziel erreicht sein soll. Das Ziel digital only sehen der Koalitionsvertrag und die Föderale Modernisierungsagenda vor. „Der Weg führt klar in diese Richtung“, sagt Wildberger.

Mit KI zurück an die Spitze

Und dieser Weg ist gepflastert mit KI-Projekten. Nur so ließen sich laut Digitalminister ein durchgehend digitaler Staat erreichen und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken. Daher freut sich Wildberger nach eigenen Angaben auch über Deutschlands Wirkmacht beim KI-Omnibus auf EU-Ebene. Mit der jüngst erzielten Einigung erhalte die Industrie nun „mehr Freiraum“, so der Minister. Die Industrie solle auch bei der Umsetzung des Deutschland-Stacks eine wichtigere Rolle einnehmen.

Seinen Fokus auf generative KI hat Wildberger bereits zu seinem Amtsantritt eingenommen. Besonders deutlich wurde das etwa auf dem Gipfel zur Europäischen Digitalen Souveränität im November vergangenen Jahres und auf der Münchener Sicherheitskonferenz im vergangenen Februar. Im November begrüßte der Minister ausdrücklich die Kooperation des französischen KI-Start-ups Mistral und des deutschen Softwareunternehmens SAP, die nun gemeinsam eine KI-Lösung für die öffentliche Verwaltung bereitstellen wollen. Und er unterzeichnete die deutsch-kanadische Absichtserklärung für nachhaltige Rechenzentren und „wertebasierte KI-Politik“.

Diese wertebasierte Politik sieht der Minister etwa in der bundeseigenen KI-Plattform KIPITZ vom ITZBund und im „preisgekrönten Projekt SPARK “ umgesetzt. Damit sei Deutschland bei KI-basierten Verwaltungsanwendungen sogar „weltweit führend“, lässt sich der Minister auf der Projektwebsite zitieren. Unter dem Projekt SPARK seien demnach mehrere KI-gestützte Genehmigungsverfahren entwickelt worden, die Beschäftigte wirksam entlasten sollen. Neben der Bundesverwaltung würden sie bereits im Stadtstaat Hamburg und im Land Mecklenburg-Vorpommern zum Einsatz kommen, so Wildberger.

Generative KI versus Datenschutz

Mit SPARK will Wildberger auch die schleppende Verwaltungsdigitalisierung adressieren. Fachleute sehen den Ansatz des Ministers kritisch, weil er KI einsetzt, statt Informationen in maschinenlesbare Formate zu übertragen, was die Automatisierung der Verwaltung deutlich beschleunigen und effizienter machen würde. Der Minister füge dem Problemberg nur noch weitere Schichten hinzu, so die Kritik .

Gleichzeitig will Wildberger Hindernisse aus dem Weg räumen, die aus seiner Sicht einer Nutzung von KI-Sprachmodellen im Wege stünden. Ganz oben auf der Liste: der Datenschutz. Laut Föderaler Modernisierungsagenda will der Bund spätestens Ende 2027 eine neue Regelung im Bundesdatenschutzgesetz vorschlagen, „die es öffentlichen Stellen zum Zwecke des Trainings und Einsatzes von KI erlaubt, personenbezogene Daten zu anonymisieren oder zu pseudonymisieren “.

Auch brauche es „eine stärker risikobasierte Ausrichtung der Datenschutz-Grundverordnung“, heißt es in der Modernisierungsagenda weiter, um etwa die Arbeit von KI-Reallaboren zu erleichtern. Das betreffe unter anderem die Einwilligung von Betroffenen und die Zweckbindung der verwendeten Daten.

Nach der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) wie auch nach dem Bundesdatenschutzgesetz dürfen personenbezogene Daten grundsätzlich nicht verarbeitet werden, es sei denn die betroffene Person willigt ausdrücklich ein oder es gibt für den entsprechenden Fall eine gesetzliche Grundlage.

Offene Fragen spielen keine Rolle auf der Digitalministerkonferenz

Die bestehenden datenschutzrechtlichen Bestimmungen würden zu streng ausgelegt und übererfüllt, aus Angst, etwas falsch zu machen, sagte Wildberger am Mittwoch. Außerdem brauche es nicht 17 unterschiedliche Datenschutzgesetze und auch keine Pflicht für die Länder, eigene Datenschutzbeauftragte zu bestellen. Das alles bremse die Digitalisierung staatlicher Verwaltungsprozesse aus, etwa mit Blick auf den Datenaustausch zwischen Behörden.

Auch die Datennutzung, die für das Training von KI-Sprachmodellen eine wesentliche Voraussetzung ist, will der Minister erleichtern. Dazu müssten Bund und Länder an den geltenden Datenschutz-Rechtsrahmen ran, der sich mit dem Einsatz von KI nur schwer vereinbaren ließe, wie auch die Bundesdatenschutzbeauftragte Louisa Specht-Riemenschneider im Dezember gegenüber netzpolitik.org sagte . So sei etwa unklar, wie man Betroffenenrechte und Löschansprüche bei KI-Systemen nach dem Training geltend macht, sagt Specht-Riemenschneider.

Derartige Fragen, die eigentlich einer größeren gesellschaftlichen Debatte bedürfen, tauchen im Beschluss zum „Paradigmenwechsel im Datenschutz“ der DMK allerdings nicht auf. Auch hier sind sich alle Beteiligten offenbar einig.

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Der durchdigitalisierte Staat soll her und das möglichst schnell. Darin sind sich Bund und Länder nach der Digitalministerkonferenz einig. Um Tempo zu machen, wollen die zuständigen Minister:innen mehr sogenannte Künstliche Intelligenz und weniger Datenschutz.

Karsten Wildberger (CDU), Kristina Sinemus (CDU) und Jan Pörksen (SPD) bei der fünften Digitalministerkonferenz im Hamburger Rathaus. – Alle Rechte vorbehalten: G. Schwering / Senatskanzlei Bürokratieabbau, Registermodernisierung, DeutschlandID: Auf diese Themen blickt Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) schon seit längerem mit der KI-Brille. Spätestens seit Mittwoch weiß er die Länder dabei hinter sich. Auf der Pressekonferenz zur Digitalministerkonferenz (DMK) demonstrierten Wildberger, die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) und der Chef der Senatskanzlei Hamburg Jan Pörksen (SPD) Einigkeit bei diesem Thema. Alle drei betonten, dass man beim KI-Einsatz in der öffentlichen Verwaltung an einem Strang ziehe .

Seit 2024 treffen sich die Minister:innen, Senatoren und Staatssekretär:innen der Länder regelmäßig, um über digitalpolitische Entscheidungen zu diskutieren. Die fünfte DMK fand in Hamburg statt und knüpfte inhaltlich an die Föderale Modernisierungsagenda an. Die hatten Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die Regierungschef:innen der Länder im Dezember beschlossen. Die 200 Maßnahmen der Föderalen Modernisierungsagenda zielen vor allem darauf ab, Bürokratie abzubauen. Bund und Länder wollen etwa bis Ende 2026 Berichtspflichten für die öffentliche Verwaltung prüfen, um mindestens die Hälfte von ihnen zu streichen.

Ein weiteres Ziel ist ein durchgehend digitalisierter Staat. Zwar lehnte die DMK einen Antrag Schleswig-Holsteins zu „digital only“ ab. Demnach sollen Verwaltungsbehörden nur noch rein digitale Prozesse anbieten und auf papiergebundene Arbeit verzichten. Doch die Uneinigkeit sei nicht inhaltlich begründet, so Sinemus und Wildberger, sondern darin, bis wann dieses Ziel erreicht sein soll. Das Ziel digital only sehen der Koalitionsvertrag und die Föderale Modernisierungsagenda vor. „Der Weg führt klar in diese Richtung“, sagt Wildberger.

Mit KI zurück an die Spitze

Und dieser Weg ist gepflastert mit KI-Projekten. Nur so ließen sich laut Digitalminister ein durchgehend digitaler Staat erreichen und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken. Daher freut sich Wildberger nach eigenen Angaben auch über Deutschlands Wirkmacht beim KI-Omnibus auf EU-Ebene. Mit der jüngst erzielten Einigung erhalte die Industrie nun „mehr Freiraum“, so der Minister. Die Industrie solle auch bei der Umsetzung des Deutschland-Stacks eine wichtigere Rolle einnehmen.

Seinen Fokus auf generative KI hat Wildberger bereits zu seinem Amtsantritt eingenommen. Besonders deutlich wurde das etwa auf dem Gipfel zur Europäischen Digitalen Souveränität im November vergangenen Jahres und auf der Münchener Sicherheitskonferenz im vergangenen Februar. Im November begrüßte der Minister ausdrücklich die Kooperation des französischen KI-Start-ups Mistral und des deutschen Softwareunternehmens SAP, die nun gemeinsam eine KI-Lösung für die öffentliche Verwaltung bereitstellen wollen. Und er unterzeichnete die deutsch-kanadische Absichtserklärung für nachhaltige Rechenzentren und „wertebasierte KI-Politik“.

Diese wertebasierte Politik sieht der Minister etwa in der bundeseigenen KI-Plattform KIPITZ vom ITZBund und im „preisgekrönten Projekt SPARK “ umgesetzt. Damit sei Deutschland bei KI-basierten Verwaltungsanwendungen sogar „weltweit führend“, lässt sich der Minister auf der Projektwebsite zitieren. Unter dem Projekt SPARK seien demnach mehrere KI-gestützte Genehmigungsverfahren entwickelt worden, die Beschäftigte wirksam entlasten sollen. Neben der Bundesverwaltung würden sie bereits im Stadtstaat Hamburg und im Land Mecklenburg-Vorpommern zum Einsatz kommen, so Wildberger.

Generative KI versus Datenschutz

Mit SPARK will Wildberger auch die schleppende Verwaltungsdigitalisierung adressieren. Fachleute sehen den Ansatz des Ministers kritisch, weil er KI einsetzt, statt Informationen in maschinenlesbare Formate zu übertragen, was die Automatisierung der Verwaltung deutlich beschleunigen und effizienter machen würde. Der Minister füge dem Problemberg nur noch weitere Schichten hinzu, so die Kritik .

Gleichzeitig will Wildberger Hindernisse aus dem Weg räumen, die aus seiner Sicht einer Nutzung von KI-Sprachmodellen im Wege stünden. Ganz oben auf der Liste: der Datenschutz. Laut Föderaler Modernisierungsagenda will der Bund spätestens Ende 2027 eine neue Regelung im Bundesdatenschutzgesetz vorschlagen, „die es öffentlichen Stellen zum Zwecke des Trainings und Einsatzes von KI erlaubt, personenbezogene Daten zu anonymisieren oder zu pseudonymisieren “.

Auch brauche es „eine stärker risikobasierte Ausrichtung der Datenschutz-Grundverordnung“, heißt es in der Modernisierungsagenda weiter, um etwa die Arbeit von KI-Reallaboren zu erleichtern. Das betreffe unter anderem die Einwilligung von Betroffenen und die Zweckbindung der verwendeten Daten.

Nach der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) wie auch nach dem Bundesdatenschutzgesetz dürfen personenbezogene Daten grundsätzlich nicht verarbeitet werden, es sei denn die betroffene Person willigt ausdrücklich ein oder es gibt für den entsprechenden Fall eine gesetzliche Grundlage.

Offene Fragen spielen keine Rolle auf der Digitalministerkonferenz

Die bestehenden datenschutzrechtlichen Bestimmungen würden zu streng ausgelegt und übererfüllt, aus Angst, etwas falsch zu machen, sagte Wildberger am Mittwoch. Außerdem brauche es nicht 17 unterschiedliche Datenschutzgesetze und auch keine Pflicht für die Länder, eigene Datenschutzbeauftragte zu bestellen. Das alles bremse die Digitalisierung staatlicher Verwaltungsprozesse aus, etwa mit Blick auf den Datenaustausch zwischen Behörden.

Auch die Datennutzung, die für das Training von KI-Sprachmodellen eine wesentliche Voraussetzung ist, will der Minister erleichtern. Dazu müssten Bund und Länder an den geltenden Datenschutz-Rechtsrahmen ran, der sich mit dem Einsatz von KI nur schwer vereinbaren ließe, wie auch die Bundesdatenschutzbeauftragte Louisa Specht-Riemenschneider im Dezember gegenüber netzpolitik.org sagte . So sei etwa unklar, wie man Betroffenenrechte und Löschansprüche bei KI-Systemen nach dem Training geltend macht, sagt Specht-Riemenschneider.

Derartige Fragen, die eigentlich einer größeren gesellschaftlichen Debatte bedürfen, tauchen im Beschluss zum „Paradigmenwechsel im Datenschutz“ der DMK allerdings nicht auf. Auch hier sind sich alle Beteiligten offenbar einig.

Statt Datenstrategie: Digitalministerium will KI-Agenten für die Verwaltung

netzpolitik·2026-05-12AgentenRegulierungAnwendungen

Die Verwaltungsdigitalisierung ging in den vergangenen Jahren äußerst schleppend voran. Eine Ursache dafür: Die Verwaltung speichert ihr Wissen in Dokumenten ab statt als maschinenlesbare Daten. Statt das Problem anzugehen, macht sich das Digitalministerium für KI-Agenten stark. Die arbeiten jedoch intransparent und erzeugen übermäßig Fehler.

KI-Agenten sollen Mängel in der Informationsverwaltung überbrücken. (Symbolbild) – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com: Teppich: Unsplash / Scott Webb; Grafik: netzpolitik.org, Montage: netzpolitik.org Ob für das Bearbeiten eines Antrags oder einer Bürger:innen-Anfrage, zur Entscheidungsfindung oder Haushaltsplanung – Verwaltungsarbeit ist zu großen Teilen Arbeit mit Informationen. Wichtig ist dabei, dass Mitarbeiter:innen diese Informationen leicht finden. Dafür müssen sie sich zurzeit noch durch einen Dschungel an Dokumenten schlagen. Vieles steckt in Akten, in physischen und digitalisierten, in PDFs oder Word-Dokumenten. Dokumente, die darauf warten, systematisch aufbereitet und durchsuchbar gemacht zu werden.

Seit Jahren fordern Expert:innen daher, für die öffentliche Verwaltung eine moderne Dateninfrastruktur zu bauen, Informationen als Linked Data (PDF) zu organisieren und verlässliche Daten-Standards zu nutzen. Das würde die Verwaltungsdigitalisierung beschleunigen.

Doch statt hier in eine nachhaltige Strategie zu investieren, setzt Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) lieber auf KI-Sprachmodelle. Die haben es nun in den Katalog des Deutschland-Stack s geschafft. Allerdings ist es zweifelhaft, ob sie den großen Hoffnungen des Ministers gerecht werden.

Gehypte KI-Agenten

Seit März dieses Jahres fördert das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) im Rahmen des Agentic AI Hub kommunale Pilotprojekte, die mittels generativer KI Sachberarbeiter:innen Verwaltungsaufgaben abnehmen sollen.

Auch die Bundesverwaltung setze bereits KI-Agenten ein, erklärt Staatssekretär Thomas Jarzombek (CDU) im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung Mitte April zu seinem „Leib- und Magenthema“. Das sei im Digitalministerium in Sachen Verwaltungsdigitalisierung insgesamt das „Thema Nummer 1“.

So soll etwa der Agent „Spark“ dabei helfen, „Dutzende Aktenordner mit Gutachten und Unterlagen zu sichten und sie in wenigen Stunden auf Vollständigkeit und Plausibilität zu prüfen“. Damit könne die Verwaltung Vorgänge beschleunigen und bessere Entscheidungen treffen, so Jarzombek. Ziel sei es, die Versäumnisse bei der Verwaltungsdigitalisierung und Personalmangel auszugleichen.

Grundlegende Probleme bleiben ungelöst

Dass das Digitalministerium hier auf generative KI-Systeme setzt, wirke mehr wie eine kurzfristige Reaktion auf die Symptome der schleppenden Verwaltungsdigitalisierung als wie ein fundierter Umgang mit ihren ursächlichen Mängeln, so Stefan Kaufmann von Wikimedia Deutschland gegenüber netzpolitik.org.

Er fordert für die Verwaltung ein grundlegendes Umdenken. So sollten Informationen nicht wie bisher in Dokumenten, sondern in semantischen Daten und Wissensgraphen abgelegt werden. „Und wir brauchen die IT-Architekturen, um staatliche Informationen als semantische Daten zu speichern und wiederverwenden zu können“, sagt Kaufmann. Mit Wissengraphen können Informationen strukturiert dargestellt werden, sodass Computer Bedeutungzusammenhänge von Informationen verarbeiten können.

Vor gut einem Jahr veröffentlichte Wikimedia die Broschüre „Generative KI für die Verwaltung?“ und traf damit einen Nerv. Die gedruckte Fassung für die öffentliche Verwaltung war schnell vergriffen, vor Kurzem erschien ein Nachdruck.

Was Kaufmann unter anderem meint, wenn er sagt „in Daten denken“: Verwaltungswissen versteckt sich meistens in Texten, PDFs und Tabellen, die für menschliche Bearbeitung angelegt und gespeichert wurden. Einzelne Informationen müssen Suchende den Dokumenten meist mühsam entlocken. Es überrascht daher nicht, dass sich Verwaltungsmitarbeitende ein KI-System wünschen, das bestimmte Informationen aus einer Vielzahl von Dokumenten zusammensucht.

Automatisierung statt Sprachmodelle

In der Begeisterung für generative KI übersehen aus Sicht von Kaufmann sowohl Verwaltungsdigitalisierer als auch Minister Wildberger allerdings zweierlei: Zum einen sind generative KI-Systeme prinzipiell limitiert, zum anderen bieten gerade in der Verwaltung sogenannte logikbasierte Methoden ein bislang unausgeschöpftes Potenzial. Logikbasierte Methoden geben bei jeder Anfrage logisch das gleiche Ergebnis aus, das sich transparent auf die zugrundeliegenden Daten zurückführen lässt.

Doch dafür müssen staatliche Informationen als strukturierte und maschinenlesbare Daten vorliegen. Erst dann ließen sich zahlreiche Verwaltungsprozesse auf klassischem Wege automatisieren, sowohl in der internen Arbeit als auch in Kontakt mit Bürger:innen, Organisationen und Unternehmen.

Mitarbeitende in der Verwaltung erhielten so mehr Zeit für Beratung, weil sie weniger damit beschäftigt wären, Daten und Informationen manuell zusammenzutragen. „Sie könnten auch Sachverhalte automatisiert auswerten und zwar deterministisch und halluzinationsfrei“, so Kaufmann.

Verwaltungs-Chatbots machen Fehler

Ein solcher Ansatz würde allerdings eine nachhaltige Strategie erfordern, die bislang nicht in Sicht ist. Viele Kommunen setzen stattdessen auf Chatbots, um mit ihren Bürger:innen zu kommunizieren. Sie hoffen, so die bestehende Arbeitslast innerhalb der Behörden abzufedern. Aus ihrer Sicht sind die Bots außerdem attraktiv, weil sie diese bei externen IT-Dienstleistern einkaufen und dies haushalterisch abbilden können.

Der Berliner BärGPT , die Gersheimer Gerda Bürki oder der Hagener JOST – sie alle sollen auf Grundlage von Informationen, die auf einer städtischen Website zu finden sind, dazu Auskunft erteilen, wer eine Behördenabteilung leitet oder an wen sich Bürger:innen auf der Suche nach einem Kita-Platz wenden können.

Doch die Bots funktionieren so wie alle Large Language Models (LLMs, Sprachmodelle): nach dem Prinzip der statistischen Wahrscheinlichkeit. Und deshalb machen sie Fehler. Das belegte zuletzt etwa eine Studie der Europäischen Rundfunkunion im Oktober 2025. Demnach liegt die Fehlerquote in den Outputs von Chatbots wie Gemini, Copilot oder ChatGPT bei rund 45 Prozent. Bezeichnenderweise geben sie Informationen dann relativ korrekt aus, wenn die dafür nötigen Daten gut strukturiert vorliegen – also in der Form, die es auch als Grundlage für logikbasierte Auswertungen bräuchte.

Regelbasiert sticht Wahrscheinlichkeitsprinzip

Ob einem KI-Chatbot Fehler unterlaufen, wird allerdings erst dann ersichtlich, wenn Nutzer:innen die Ausgabe prüfen. Bezogen auf die Verwaltung hieße das, dass Sachbearbeiter:innen dafür zusätzliche Zeit einplanen müssen. Außerdem brauchen sie verlässliche Referenzdaten, um diese mit der KI-Antwort abgleichen zu können. Die Alternative dazu wäre ein automatischer Vorbehalt, sagt Kaufmann. „Wenn ich einen Bescheid bekomme, der mit generativer KI erstellt wurde, hätte ich damit das Recht auf nochmalige manuelle Prüfung.“

Auch bei Abfragen aus verteilten Wissensbeständen kämen Sprachmodelle schnell an ihre Grenzen, etwa wenn Nutzer:innen nach einer Liste deutscher Großstädte mit einer Oberbürgermeisterin fragen und diese nach Einwohnerzahl absteigend sortiert bekommen möchten. „Aus strukturierten Daten wie bei Wikidata lässt sich das mit simplen, regelbasierten Methoden und einem Bruchteil des Aufwands beantworten – und zwar verlässlich“, erklärt Kaufmann gegenüber netzpolitik.org. Dennoch investieren immer mehr Kommunen in Chatbots.

Statt den Umweg über KI-Sprachmodelle zu verfestigen, könnte die Verwaltung ihre Informationsbestände Schritt für Schritt in Richtung semantischer Datenspeicherung entwickeln. Das würde nicht nur die interne Weiterverwendung behördlicher Informationen vereinfachen, erklärt Kaufmann. Vielmehr könne man die Bestände auch mit symbolischen KI-Systemen verlässlich auswerten. „Das sind regelbasierte Systeme, die im Gegensatz zu LLMs und Agentensystemen nicht dem Zufall ausgesetzt sind.“ Außerdem seien sie deutlich sparsamer beim Energieverbrauch.

Auf diese Weise könne die Verwaltung Informationen, die bisher in Dokumenten oder Fachverfahren „gefangen“ waren, organisationsübergreifend auswerten und verwenden. Dabei könnten auch Unklarheiten in den Informationen auffallen, die Mitarbeitende direkt auf Quellenebene korrigieren könnten.

Aus Erfahrungswissen lernen

Die Verwaltung könnte hier aus vielen Jahren Vorarbeit von Projekten und Initiativen des digitalen Ehrenamts lernen, glaubt Kaufmann. Als Beispiel führt er das Projekt „kleineAnfragen“ an, wo Nutzer:innen alle kleinen und großen Anfragen deutscher Parlamente nach Stichwörtern durchsuchen, Anfragen automatisch analysieren und sie mit einer stabilen URL verlässlich verlinken konnten. Ein anderes Beispiel seien Web-Angebote wie „Meine Stadt Transparent“ und „Politik bei uns“, die Ratsdokumente besser durchsuchbar machten. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der offene OParl-Standard, der es erlaubt, Dokumente maschinell auszuwerten.

Alle drei Angebote sind derzeit allerdings nicht mehr in Betrieb. „Sie waren als Freie-Software-Projekte quasi schlüsselfertig und „for public adoption“ gedacht – staatliche Stellen haben sie aber nie selbst übernommen“, erklärt Kaufmann. Es komme selten vor, dass in einer Behörde Menschen arbeiten, die die Potenziale dieser Systeme erkennen und sie dann, ohne lange Schleifen mit externen Dienstleistern durchlaufen zu müssen, selbst ausrollen können.

Das BMDS unter Karsten Wildberger ist hier offenbar keine Ausnahme. Die Bundestagsabgeordnete Sonja Lemke (Die Linke) fragte in der Ausschusssitzung Mitte April, ob das Digitalministerium regelbasierte Systeme prüfe oder auch Systeme, mit denen die Verwaltung ihre Informationen in maschinenlesbarer Form bringe und damit wiederverwendbar abspeichere. Einer klaren Beantwortung der Frage wich Staatssekretär Jarzombek aus.

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Die Verwaltungsdigitalisierung ging in den vergangenen Jahren äußerst schleppend voran. Eine Ursache dafür: Die Verwaltung speichert ihr Wissen in Dokumenten ab statt als maschinenlesbare Daten. Statt das Problem anzugehen, macht sich das Digitalministerium für KI-Agenten stark. Die arbeiten jedoch intransparent und erzeugen übermäßig Fehler.

KI-Agenten sollen Mängel in der Informationsverwaltung überbrücken. (Symbolbild) – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com: Teppich: Unsplash / Scott Webb; Grafik: netzpolitik.org, Montage: netzpolitik.org Ob für das Bearbeiten eines Antrags oder einer Bürger:innen-Anfrage, zur Entscheidungsfindung oder Haushaltsplanung – Verwaltungsarbeit ist zu großen Teilen Arbeit mit Informationen. Wichtig ist dabei, dass Mitarbeiter:innen diese Informationen leicht finden. Dafür müssen sie sich zurzeit noch durch einen Dschungel an Dokumenten schlagen. Vieles steckt in Akten, in physischen und digitalisierten, in PDFs oder Word-Dokumenten. Dokumente, die darauf warten, systematisch aufbereitet und durchsuchbar gemacht zu werden.

Seit Jahren fordern Expert:innen daher, für die öffentliche Verwaltung eine moderne Dateninfrastruktur zu bauen, Informationen als Linked Data (PDF) zu organisieren und verlässliche Daten-Standards zu nutzen. Das würde die Verwaltungsdigitalisierung beschleunigen.

Doch statt hier in eine nachhaltige Strategie zu investieren, setzt Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) lieber auf KI-Sprachmodelle. Die haben es nun in den Katalog des Deutschland-Stack s geschafft. Allerdings ist es zweifelhaft, ob sie den großen Hoffnungen des Ministers gerecht werden.

Gehypte KI-Agenten

Seit März dieses Jahres fördert das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) im Rahmen des Agentic AI Hub kommunale Pilotprojekte, die mittels generativer KI Sachberarbeiter:innen Verwaltungsaufgaben abnehmen sollen.

Auch die Bundesverwaltung setze bereits KI-Agenten ein, erklärt Staatssekretär Thomas Jarzombek (CDU) im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung Mitte April zu seinem „Leib- und Magenthema“. Das sei im Digitalministerium in Sachen Verwaltungsdigitalisierung insgesamt das „Thema Nummer 1“.

So soll etwa der Agent „Spark“ dabei helfen, „Dutzende Aktenordner mit Gutachten und Unterlagen zu sichten und sie in wenigen Stunden auf Vollständigkeit und Plausibilität zu prüfen“. Damit könne die Verwaltung Vorgänge beschleunigen und bessere Entscheidungen treffen, so Jarzombek. Ziel sei es, die Versäumnisse bei der Verwaltungsdigitalisierung und Personalmangel auszugleichen.

Grundlegende Probleme bleiben ungelöst

Dass das Digitalministerium hier auf generative KI-Systeme setzt, wirke mehr wie eine kurzfristige Reaktion auf die Symptome der schleppenden Verwaltungsdigitalisierung als wie ein fundierter Umgang mit ihren ursächlichen Mängeln, so Stefan Kaufmann von Wikimedia Deutschland gegenüber netzpolitik.org.

Er fordert für die Verwaltung ein grundlegendes Umdenken. So sollten Informationen nicht wie bisher in Dokumenten, sondern in semantischen Daten und Wissensgraphen abgelegt werden. „Und wir brauchen die IT-Architekturen, um staatliche Informationen als semantische Daten zu speichern und wiederverwenden zu können“, sagt Kaufmann. Mit Wissengraphen können Informationen strukturiert dargestellt werden, sodass Computer Bedeutungzusammenhänge von Informationen verarbeiten können.

Vor gut einem Jahr veröffentlichte Wikimedia die Broschüre „Generative KI für die Verwaltung?“ und traf damit einen Nerv. Die gedruckte Fassung für die öffentliche Verwaltung war schnell vergriffen, vor Kurzem erschien ein Nachdruck.

Was Kaufmann unter anderem meint, wenn er sagt „in Daten denken“: Verwaltungswissen versteckt sich meistens in Texten, PDFs und Tabellen, die für menschliche Bearbeitung angelegt und gespeichert wurden. Einzelne Informationen müssen Suchende den Dokumenten meist mühsam entlocken. Es überrascht daher nicht, dass sich Verwaltungsmitarbeitende ein KI-System wünschen, das bestimmte Informationen aus einer Vielzahl von Dokumenten zusammensucht.

Automatisierung statt Sprachmodelle

In der Begeisterung für generative KI übersehen aus Sicht von Kaufmann sowohl Verwaltungsdigitalisierer als auch Minister Wildberger allerdings zweierlei: Zum einen sind generative KI-Systeme prinzipiell limitiert, zum anderen bieten gerade in der Verwaltung sogenannte logikbasierte Methoden ein bislang unausgeschöpftes Potenzial. Logikbasierte Methoden geben bei jeder Anfrage logisch das gleiche Ergebnis aus, das sich transparent auf die zugrundeliegenden Daten zurückführen lässt.

Doch dafür müssen staatliche Informationen als strukturierte und maschinenlesbare Daten vorliegen. Erst dann ließen sich zahlreiche Verwaltungsprozesse auf klassischem Wege automatisieren, sowohl in der internen Arbeit als auch in Kontakt mit Bürger:innen, Organisationen und Unternehmen.

Mitarbeitende in der Verwaltung erhielten so mehr Zeit für Beratung, weil sie weniger damit beschäftigt wären, Daten und Informationen manuell zusammenzutragen. „Sie könnten auch Sachverhalte automatisiert auswerten und zwar deterministisch und halluzinationsfrei“, so Kaufmann.

Verwaltungs-Chatbots machen Fehler

Ein solcher Ansatz würde allerdings eine nachhaltige Strategie erfordern, die bislang nicht in Sicht ist. Viele Kommunen setzen stattdessen auf Chatbots, um mit ihren Bürger:innen zu kommunizieren. Sie hoffen, so die bestehende Arbeitslast innerhalb der Behörden abzufedern. Aus ihrer Sicht sind die Bots außerdem attraktiv, weil sie diese bei externen IT-Dienstleistern einkaufen und dies haushalterisch abbilden können.

Der Berliner BärGPT , die Gersheimer Gerda Bürki oder der Hagener JOST – sie alle sollen auf Grundlage von Informationen, die auf einer städtischen Website zu finden sind, dazu Auskunft erteilen, wer eine Behördenabteilung leitet oder an wen sich Bürger:innen auf der Suche nach einem Kita-Platz wenden können.

Doch die Bots funktionieren so wie alle Large Language Models (LLMs, Sprachmodelle): nach dem Prinzip der statistischen Wahrscheinlichkeit. Und deshalb machen sie Fehler. Das belegte zuletzt etwa eine Studie der Europäischen Rundfunkunion im Oktober 2025. Demnach liegt die Fehlerquote in den Outputs von Chatbots wie Gemini, Copilot oder ChatGPT bei rund 45 Prozent. Bezeichnenderweise geben sie Informationen dann relativ korrekt aus, wenn die dafür nötigen Daten gut strukturiert vorliegen – also in der Form, die es auch als Grundlage für logikbasierte Auswertungen bräuchte.

Regelbasiert sticht Wahrscheinlichkeitsprinzip

Ob einem KI-Chatbot Fehler unterlaufen, wird allerdings erst dann ersichtlich, wenn Nutzer:innen die Ausgabe prüfen. Bezogen auf die Verwaltung hieße das, dass Sachbearbeiter:innen dafür zusätzliche Zeit einplanen müssen. Außerdem brauchen sie verlässliche Referenzdaten, um diese mit der KI-Antwort abgleichen zu können. Die Alternative dazu wäre ein automatischer Vorbehalt, sagt Kaufmann. „Wenn ich einen Bescheid bekomme, der mit generativer KI erstellt wurde, hätte ich damit das Recht auf nochmalige manuelle Prüfung.“

Auch bei Abfragen aus verteilten Wissensbeständen kämen Sprachmodelle schnell an ihre Grenzen, etwa wenn Nutzer:innen nach einer Liste deutscher Großstädte mit einer Oberbürgermeisterin fragen und diese nach Einwohnerzahl absteigend sortiert bekommen möchten. „Aus strukturierten Daten wie bei Wikidata lässt sich das mit simplen, regelbasierten Methoden und einem Bruchteil des Aufwands beantworten – und zwar verlässlich“, erklärt Kaufmann gegenüber netzpolitik.org. Dennoch investieren immer mehr Kommunen in Chatbots.

Statt den Umweg über KI-Sprachmodelle zu verfestigen, könnte die Verwaltung ihre Informationsbestände Schritt für Schritt in Richtung semantischer Datenspeicherung entwickeln. Das würde nicht nur die interne Weiterverwendung behördlicher Informationen vereinfachen, erklärt Kaufmann. Vielmehr könne man die Bestände auch mit symbolischen KI-Systemen verlässlich auswerten. „Das sind regelbasierte Systeme, die im Gegensatz zu LLMs und Agentensystemen nicht dem Zufall ausgesetzt sind.“ Außerdem seien sie deutlich sparsamer beim Energieverbrauch.

Auf diese Weise könne die Verwaltung Informationen, die bisher in Dokumenten oder Fachverfahren „gefangen“ waren, organisationsübergreifend auswerten und verwenden. Dabei könnten auch Unklarheiten in den Informationen auffallen, die Mitarbeitende direkt auf Quellenebene korrigieren könnten.

Aus Erfahrungswissen lernen

Die Verwaltung könnte hier aus vielen Jahren Vorarbeit von Projekten und Initiativen des digitalen Ehrenamts lernen, glaubt Kaufmann. Als Beispiel führt er das Projekt „kleineAnfragen“ an, wo Nutzer:innen alle kleinen und großen Anfragen deutscher Parlamente nach Stichwörtern durchsuchen, Anfragen automatisch analysieren und sie mit einer stabilen URL verlässlich verlinken konnten. Ein anderes Beispiel seien Web-Angebote wie „Meine Stadt Transparent“ und „Politik bei uns“, die Ratsdokumente besser durchsuchbar machten. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der offene OParl-Standard, der es erlaubt, Dokumente maschinell auszuwerten.

Alle drei Angebote sind derzeit allerdings nicht mehr in Betrieb. „Sie waren als Freie-Software-Projekte quasi schlüsselfertig und „for public adoption“ gedacht – staatliche Stellen haben sie aber nie selbst übernommen“, erklärt Kaufmann. Es komme selten vor, dass in einer Behörde Menschen arbeiten, die die Potenziale dieser Systeme erkennen und sie dann, ohne lange Schleifen mit externen Dienstleistern durchlaufen zu müssen, selbst ausrollen können.

Das BMDS unter Karsten Wildberger ist hier offenbar keine Ausnahme. Die Bundestagsabgeordnete Sonja Lemke (Die Linke) fragte in der Ausschusssitzung Mitte April, ob das Digitalministerium regelbasierte Systeme prüfe oder auch Systeme, mit denen die Verwaltung ihre Informationen in maschinenlesbarer Form bringe und damit wiederverwendbar abspeichere. Einer klaren Beantwortung der Frage wich Staatssekretär Jarzombek aus.